Neunter Vortrag
Studieren wir einmal die europäischen Mysterien. Da herrscht überall ein gewisser tragischer Zug. Wenn Sie sich hineinversetzen in diese alten Mysterien, dann können Sie sehen, daß die Lehrer überall zu ihren Schülern sagen: Ihr könnt euch erheben zu hohem Göttlichem, in hohem Sinne eingeweiht könnt ihr werden; aber es gibt etwas, was ihr jetzt noch nicht voll erkennen könnt, auf das ihr warten müßt, auf das wir auch nur hinweisen können: das ist der kommende Christus. — Überall in den nordischen Mysterien hat man von dem Christus als von einem Kommenden gesprochen; gekannt haben sie ihn überall, nur nicht als einen, der schon auf Erden war. Gekannt haben ihn die Eingeweihten drüben in Asien, in Ägypten, überall haben sie gewußt, es ist der Christus im Anzuge, er wird einst da sein. Und überall haben sie gewußt, daß die alten Mysterien nicht zur höchsten Stufe hinaufführen können. Das ist symbolisch erhalten geblieben. Wir dürfen nur nicht die Dinge pressen, nicht in scharfen Konturen, sondern ganz subtil sind sie zu nehmen, teils als Wahrheit und teils nur vergleichsweise. Es ist etwas von jenem tragischen Zuge geblieben gegenüber den alten Göttern und dem Warten auf den Christus, da der Glanz der Götter verschwinden wird vor dem Glanze des Christus. Wir finden es bis in die spätesten Sagen der germanischen Götter. Etwas Merkwürdiges hat die Sage dem Siegfried zugeschrieben: Er war unverwundbar; er hatte die Stärke des Eingeweihten im Sinne der europäischen Mysterien. Aber eine Stelle war verwundbar geblieben, da wurde auch er verwundet, und das hat ihm auch den 'Tod gebracht. Welche Stelle war das? Jene Stelle, wo später bei dem, den man erwartet hat, das Kreuz gelegen hat. Die Stelle, an der Siegfried noch verwundbar war, sie ist zugedeckt worden bei dem Gange nach Golgatha durch das Kreuz. Das ist die letzte Erinnerung an jenen tragischen Zug, der durch die alten europäischen Mysterien gegangen ist. Aber oft hat man auch in jenen Mysterien, aus denen das Alte Testament hervorgegangen ist und in die Moses eingeweiht war, und die Moses dann innerhalb seines Volkes so weit verpflanzt hat, als es ihm möglich erschien, — oft hat man auch da hingewiesen auf diesen eigentümlichen Entwickelungsgang der Menschheit. Und es ist mehr als ein bloßes Bild, es ist etwas, was dem Bilde eine tiefe Wirklichkeit gibt, was wir etwa so aufzeichnen können.
Cite:
GA 105/1908-08-13/p019 · edition original