Neunter Vortrag
Wo konnte nun dieser Gott zuerst eine solche Gestalt gewinnen, daß er von den Menschen, die nunmehr auf dem physischen Plan lebten und ihn sich erobern sollten, begriffen werden konnte? Da ist durch eine weise Fügung im Süden Europas etwas Merkwürdiges entstanden. Es haben Züge von Asien und von Afrika stattgefunden; sie haben sich vermischt mit denen, die vom Norden heruntergezogen waren. Diejenigen, die vom Orient herüber die starke Überzeugung brachten von der Wertlosigkeit der Maja, von der Notwendigkeit, daß dieses materielle Reich der Menschen in das Reich des Geistes verwandelt werden müsse, sie vermengten sich mit denen, die sich das starke Persönlichkeitsgefühl errungen hatten. Und die stärksten spirituellen Kräfte, die auf der Wanderung vom Westen nach dem Osten am meisten zurückgeblieben waren, sie haben sich getroffen in Kleinasien, auf der griechischen, auf der italischen Halbinsel, und da hat sich die vierte Stufe herausgebildet, und wieder ist die Eroberung der physischen Welt einen Schritt vorwärts gegangen. Den Gott in der Tiefe zu erfassen und zu ahnen, das war die Mission der dritten Kulturepoche, der chaldäisch-ägyptischen Kultur; aus ihr mußte hervorgehen diejenige Volksgruppe, welche den Gott in abstrakter Weise suchen konnte, als geistige Wesenheit, mit dem geringsten sinnlichen Inhalt. Aber im Süden Europas bildete sich eine andere Gruppe. Indem die Menschen mit dem starken nordischen Persönlichkeitsbewußtsein da heruntergezogen sind, bildete sich die Vermählung der menschlichen Seele mit der Materie, die wir in dem griechischen Tempel, in den griechischen Kunstwerken, in der griechischen Tragödie bewundern, wo der Mensch anfängt, sein eigenes Schicksal zur Darstellung zu bringen, wo er seinen eigenen Geist in die Materie hineingeheimnißt, ihn den äußeren Tatsachen einverleibt. Man möchte sagen: eine Ehe zwischen Geistigem und Physischem wird geschlossen, wo beide gleichen Anteil haben. An dem griechischen Kunstwerk, an allem, was der Grieche schafft, haben gleichen Anteil das Geistige und das Physische. Und in gewisser Beziehung ist das beim Römer ebenso; er weiß: In mir lebt der Geist, in mir kann das Geistige Persönlichkeit werden.
Cite:
GA 105/1908-08-13/p021 · edition original