Zehnter Vortrag
So lebte sich der Mensch aus den alten Zeiten herüber. Und wir haben gesehen, wie in den Kulturepochen der nachatlantischen Zeit wiederum auflebte die Erinnerung an jene alte, tatsächlich durchlebte Epoche; in der ägyptischen Zeit lebte die Erinnerung an die lemurische Zeit auf. Wie wird also der Eingeweihte den Menschen das Leben nach dem Tode dargestellt haben? Er hat dafür gesorgt, daß die Menschen, wenn auch im schwachen Nachklange, nach dem Tode die Erfahrung haben machen können, daß sie sich bis zu dem erhoben, worin sich die alte Menschheit eigentlich geborgen fühlte, bis zu dieser Spitze, die der Sonnengeist in alten Zeiten war. Diesen Sinn hatte das, was man das alte ägyptische Totengericht nennt, dieses Totengericht, wo der Tote sozusagen vor seinen Richter gestellt wurde, der seine Taten wog. Sind die Taten für würdig befunden worden, so darf er durch seine Verdienste in der physischen Welt des Wesens teilhaft werden, darf anschauen das, was man in der charakterisierten Weise als einen Lichtgott, als einen Sonnengott empfunden hat. Es war das Wesen wiederum, das nun Osiris genannt wurde. Die Fahrt zum Osiris, das Einswerden mit ihm, das war es, was dem Toten zuteil werden sollte in der Wiederholung eines früheren faktischen Zustandes. So begreifen wir, was uns im Totenbuche, jener merkwürdigen Urkunde des Ägyptervolkes, erhalten worden ist. In meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» konnte, durch die Natur der Verhältnisse bedingt, selbstverständlich nicht die volle Esoterik solcher Dinge angeschlagen werden, aber es handelt sich darum, daß man diese Dinge wesentlich vertiefen kann. Hatte man im Sinne der alten ägyptischen Anschauung gefunden, daß eine solche Seele nach dem Tode ihrer Taten wegen würdig war dieses Anblicks, so durfte sie sich mit Osiris vereinen. Ja, man spricht sie sogar selbst als einen Osiris an, weil sie sich ja mit ihm vereint hatte. Die Formel war: Der Osiris war geläutert in dem Teiche, der da ist südlich vom Felde Hotep und nördlich von dem Felde der Heuschrecken, wo die Götter des Grünens sich waschen in der vierten Stunde der Nacht und in der achten des Tages mit dem Bilde des Herzens der Götter, übergehend von der Nacht zum Tage. - Es ist unmöglich, all die tiefen Beziehungen dieser Formel zum Ausdruck zu bringen. Wichtig ist es, zu verstehen den Ausdruck «von der Nacht zum Tage». Es ist vorher Nacht; aber übergeführt wird die Seele in einen Tag, in einen geistigen Tag, wo sie vereinigt sein wird mit Osiris, wo sie selbst ein Osiris sein darf.
Cite:
GA 105/1908-08-14/p009 · edition original