Elfter Vortrag

GA 105/1908-08-16/p005 ·1908-08-16 · original (original)
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Solange die Erde mit der Sonne verbunden war, waren auch die hohen Sonnengeister mit dem menschlichen Geschlecht verbunden. Aber nach und nach mit der Sonne verschwanden auch die hohen Götter aus dem Bewußtsein der Menschen, stufenweise bis in die letzte atlantische Zeit hinein. Es war das Bewußtsein der Menschen selbst nach dem Tode nicht mehr fähig, sich in die hohen Regionen hinaufzubegeben, wo eine unmittelbare Anschauung der Sonnengötter möglich gewesen wäre. Wenn wir uns — und vergleichsweise darf das ja geschehen — auf den Standpunkt der Sonnengötter stellen, so können wir sagen: Ich war verbunden mit der Menschheit, aber ich mußte mich zurückziehen eine Zeitlang. Sozusagen verschwinden im menschlichen Bewußtsein mußte die göttliche Welt, um dann in einer erneuerten, höheren Gestalt durch den Christus-Impuls wieder aufzugehen. — Ein Mensch, der in der griechischen Welt stand, konnte noch nicht wissen, was der Erde durch den Christus kommen würde, aber der Eingeweihte, der, wie wir ja sahen, den Christus schon vorher kannte, er konnte sich sagen: Diese geistige Gestalt, die als Osiris festgehalten wurde, mußte für eine Weile untergehen für den Blick des Menschen, verfinstern mußte sich der Götterhorizont; aber das sichere Bewußtsein ist in uns, daß sie wiedererscheinen wird, die Gottesherrlichkeit auf Erden. - Das war das kosmische Bewußtsein, das man hatte, und dieses Bewußtsein von einem Heruntersinken der Gottesherrlichkeit und von dem Wiederaufgehen, das spiegelte sich im griechischen tragischen Kunstwerke ab, wo wir sehen, wie der Mensch selbst als Abbild der Götter hingestellt wird, wie er lebt und strebt und einen tragischen Untergang findet, Aber diese Tragik schließt zu gleicher Zeit in sich, daß der Mensch doch durch seine geistige Kraft siegen könne. So sollte das Drama, das Anschauen des lebenden und sterbenden Menschen, im Grunde auch ein Abbild des großen Zusammenhanges sein. Überall sehen wir so in Griechenland, auf allen Gebieten, diese Ehe zwischen dem Geist und dem Sinnlichen. Das war ein einzigartiger Zeitpunkt in der nachatlantischen Zeit.

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