Elfter Vortrag
So wird zum Beispiel über den geistigen Fortschritt der Menschheit ziemlich oberflächlich gedacht. Man sieht, daß in einem bestimmten Zeitalter Kopernikus aufgetreten ist. Man sagt sich: Nun ja, er tritt auf, weil die Beobachtung in dieser Zeit gerade dahin geführt hat, daß man das Sonnensystem in Gedanken geändert hat. Wer eine solche Anschauung hat, der hat nicht einmal exoterisch studiert, wie Kopernikus zu seinen Ideen über den Zusammenhang am Himmel gekommen ist. Wer das studiert, und namentlich wer die großen, gewaltigen Ideen des Kepler verfolgt hat, der weiß etwas anderes darüber zu sagen, und er wird noch bestärkt durch das, was der Okkultismus dazu zu sagen hat. Nehmen wir das einmal, um es uns klar vorzustellen, recht handgreiflich. Wir versetzen uns in die Seele des Kopernikus. Diese war da in der alten ägyptischen Zeit; sie hat damals an einer besonders hervorragenden Stelle den Osiriskultus erlebt und hat gesehen, wie Osiris als ein Wesen betrachtet worden ist, das dem hohen Sonnenwesen gleichkommt. Die Sonne stand in geistig-spiritueller Beziehung in dem Mittelpunkte des ägyptischen Denkens und Fühlens, aber nicht die äußerliche sinnliche Sonne, die nur als der körperliche Ausdruck des Geistigen angesehen wurde. So wie das Auge der Ausdruck der Schkraft ist, so war für den Ägypter die Sonne das Auge des Osiris, der Ausdruck, die Verkörperung dessen, was der Geist der Sonne war. Das alles hatte die Seele des Kopernikus einst durchlebt, und die unbewußte Erinnerung daran war es, die ihn dazu bewog, in der Gestalt, wie es in einem materialistischen Zeitalter sein konnte, diese Idee wieder zu erneuern, diese alte Osirisidee, die damals spirituell war. Sie tritt uns da, wo die Menschheit tiefer heruntergestiegen ist auf den physischen Plan, in der materialistischen Ausgestaltung als Kopernikanismus entgegen. Die Ägypter haben das spirituell gehabt; sich an diesen Gedanken zu erinnern, war das Weltenkarma des Kopernikus, und das hat herausgezaubert jene Richtungskombination, die zu seinem Sonnensystem geführt hat. Und ähnlich war es bei Kepler, der in noch viel umfassenderem Sinne in seinen allerdings uns sehr abstrakt erscheinenden drei Gesetzen den Wandel der Planeten um die Sonne dargestellt hat. Er hat es aber herausgeholt aus einer tiefen Konzeption. Was aber auffallend ist bei diesem genialen Geiste, das ist die Stelle, die er selbst geschrieben hat, die uns mit Schauern erfüllt, wenn wir sie lesen und wo uns das eben Gesagte handgreiflich entgegentritt. Schrieb doch Kepler die Worte nieder: Ich habe mich hineinvertieft in dieses Sonnensystem, es hat sich mir enträtselt; ich will die heiligen Zeremoniengefäße der Ägypter in die moderne Welt hereinbringen.
Cite:
GA 105/1908-08-16/p009 · edition original