Elfter Vortrag
Die Gedanken, die im alten Ägypten den Seelen eingepflanzt worden sind, treten uns wieder entgegen, und unsere modernen Wahrheiten sind wiedergeborene ägyptische Mythen. In viele Einzelheiten hinein könnten wir das verfolgen, wenn wir wollten. Wir können es verfolgen bis in die Anlagen der Menschen hinein. Wir gedenken noch einmal der Sphinx, jener wunderbaren rätselhaften Gestalt, die dann in der griechischen Kultur die Odipus-Sphinx geworden ist, die den Menschen das bekannte Rätsel aufgibt. Wir wissen aber auch schon, daß sie zusammengesetzt ist aus derjenigen menschlichen Gestalt, die auf dem physischen Plane noch der Tierform analog war, während ihr Ätherisches schon menschliche Gestaltangenommen hatte. In derägyptischen Zeit war der Mensch nur imstande, die Sphinx wirklich als ätherische Gestalt zu sehen, wenn er gewisse Einweihungsstufen durchgemacht hatte. Dann aber stand sie vor ihm. Und nun ist das Wichtige, daß, wenn man eine wirklich hellseherische Anschauung hat, man sie nicht nur wie einen Holzklotz vor sich hat, sondern daß sich gewisse Gefühle notwendig mit dieser Anschauung verknüpfen. Ein kalter Mensch kann unter Umständen an einer noch so bedeutsamen künstlerischen Erscheinung vorübergehen, ein kalter Mensch kann ungerührt bleiben; das hellseherische Bewußtsein ist nicht in dieser Lage: wenn es wirklich ausgebildet ist, wird das entsprechende Gefühl in ihm angeregt. Es ist in der griechischen Sage das richtige Gefühl ausgedrückt, das der Hellseher noch während der alten ägyptischen Zeit und in den griechischen Mysterien hatte, wenn er so weit war, daß ihm die Sphinx vor das Auge trat. Was war es denn, was ihm da vor das Auge trat? Etwas Unfertiges, etwas, was werden sollte. Er sah diese Gestalt, die in gewisser Beziehung noch tierische Formen hatte, im Ätherkopf sah er, was hineinwirken sollte in die physische Form, um diese menschenähnlicher zu gestalten. Wie dieser Mensch werden sollte, welch eine Aufgabe die Menschheit in der Entwickelung hatte, diese Frage stand lebendig vor ihm als eine Frage der Erwartung, der Sehnsucht, der Entfaltung des Kommenden, wenn er die Sphinx sah. Daß alle menschliche Forschung und Philosophie aus der Sehnsucht heraus entsteht, ist ein griechischer Ausspruch, aber zugleich auch ein hellseherischer. Man hat vor sich eine Gestalt, die nur mit astralischem Bewußtsein wahrgenommen wird, aber sie quält einen, sie gibt einem ein Rätsel auf: das Rätsel, wie man werden soll. Nunmehr hat sich diese Athergestalt, die in der atlantischen Zeit da war und in der ägyptischen Zeit in der Erinnerung lebte, mehr und mehr dem menschlichen Wesen einverleibt, und sie erscheint auf der anderen Seite in der Menschennatur wieder, sie erscheint in all den religiösen Zweifeln, in dem Unvermögen unserer Kulturepoche gegenüber der Frage: Was ist der Mensch? - In all den unbeantworteten Fragen, in all den Aussprüchen, die sich um das «Ignorabimus» drehen, erscheint die Sphinx wieder. In den Zeiten, die noch spirituell waren, konnte der Mensch sich aufschwingen, die Sphinx wirklich vor sich zu haben; heute lebt sie in seinem Inneren als die zahlreichen Fragen, die ohne Antwort sind. Daher kann der Mensch so schwer zu einer Überzeugung von der geistigen Welt kommen, weil die Sphinx, die früher außen war, nachdem gerade in dem mittleren Zeitraum sich der gefunden hat, der das Rätsel gelöst, der sie in den Abgrund, in das eigene Innere des Menschen gestürzt hat, weil diese Sphinx jetzt im Inneren des Menschen erscheint.
Cite:
GA 105/1908-08-16/p010 · edition original