Elfter Vortrag
Denken wir uns einmal, daß dieser Abfall des Menschen nicht stattgefunden hätte, was wäre dann geschehen? Wir haben einen ähnlichen Abfall schon gestern betrachtet, der aber anderer Natur war; dies ist ein erneuter Abfall auf anderem Gebiet, der etwa eintritt, als eine selbständige Wissenschaft neben der Erfassung des Geistigen auftritt. Das ist erst in der griechischen Welt der Fall, vorher gab es diesen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion nicht; für den ägyptischen Priester hätte solche Trennung keinen Sinn gehabt. Versenken Sie sich in das, was Pythagoras von den Ägyptern gelernt hat: die Zahlenlehre. Sie war ihm nicht abstrakte Mathematik, sie war ihm das, was ihm die Musikgeheimnisse der Welt in der Harmonie der Zahlen gab; eine heilige, mit religiöser Grundstimmung verbundene Weisheit war ihm die Mathematik, die heute dem Menschen als etwas Abstraktes erscheint. Aber der Mensch mußte immer mehr heruntersteigen mit der Wissenschaft in die materielle, physische Welt hinein, und wir sehen ja, wie selbst das, was die spirituelle Weisheit der Ägypter war, uns entgegentritt — wie in der Erinnerung umgestaltet - in der materialistischen Weltanschauungsmythe. Für die Zukunft werden all die Theorien der heutigen Menschen ebenso als etwas, was nur zeitlichen Wert hat, empfunden werden, wie heute die alten 'Theorien von der Menschheit empfunden werden. Hoffentlich sind dann die Menschen so gescheit, daß sie nicht in den Fehler verfallen wie die heutigen Menschen, die da sagen: Bis in das 19. Jahrhundert hat der Mensch unbedingt dumm sein müssen in der Wissenschaft, da erst ist er gescheit geworden, denn alles, was früher über den Menschenleib, über Anatomie gesagt wurde, ist ja Unsinn, und wahr ist nur, was das letzte Jahrhundert gebracht hat. — Aber der Mensch in der Zukunft wird gescheiter sein, er wird nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Er wird auf unsere Mythen der Anatomie, der Philosophie, des Darwinismus nicht so wegwerfend herunterschauen, wie der heutige Mensch auf die alten Wahrheiten herunterschaut. Aber es ist doch so, daß auch das vergängliche Formen der Wahrheit sind, was man heute als so fest begründet ansieht: das Kopernikanische Weltensystem, es ist nur eine vorübergehende Form. Sie wird ersetzt werden durch etwas anderes. Die Formen der Wahrheit ändern sich fortwährend, das ist herbeigeführt worden durch das Untertauchen des Menschen in die Materialität. Dafür mußte aber, damit im Menschen nicht aller Zusammenhang verlorenginge, ein um so stärkerer geistiger Impuls kommen, ein Impuls nach der Spiritualität hin. Diesen starken Impuls haben wir gestern charakterisiert in dem Christus-Impuls. Es mußte sozusagen die Menschheit «wissenschaftlich» eine Weile allein gelassen werden, und das Religiöse mußte in eine andere Strömung gebracht werden, gerettet werden vor dem fortschreitenden Einfall der Wissenschaft. So sehen wir, wie sich da abspaltet eine Weile die Wissenschaft, die auf das äußere Materielle geht, und das Spirituelle, das in einer besonderen Strömung fortgeht. Wir sehen, wie die zwei Strömungen, der Glaube für das Spirituelle und das Wissen für das äußere Materielle, nebeneinander hergehen. Ja, wir sehen sogar, daß in einer ganz bestimmten Periode der mittelalterlichen Entwickelung, in einer Periode, die der unseren eben vorangegangen ist, Wissen und Glauben sich bewußt gegeneinander stellen, aber noch eine Verbindung suchend.
Cite:
GA 105/1908-08-16/p013 · edition original