Elfter Vortrag
Sehen Sie sich die Scholastiker an. Sie sagen: Es ist dem Menschen durch Christus ein Glaubensgut gegeben, das dürfen wir nicht antasten, das ist unmittelbar gegeben; alle Wissenschaft aber, die die Zeit hat hervorbringen können, seitdem jene Spaltung geschehen ist, kann nur dazu verwendet werden, um dieses Glaubensgut zu beweisen. — So sehen wir, wie in der Scholastik die Tendenz herrscht, alle Wissenschaft dazu anzuwenden, um die geoffenbarte Wahrheit zu beweisen. Da wo die Scholastik in ihrer Blüte steht, da sagt man: Man kann sozusagen von unten hinaufblicken in das Glaubensgut, und bis zu einem gewissen Grade kann menschliche Wissenschaft es durchdringen. Aber dann muß man sich dem Geoffenbarten hingeben. - Dann aber verliert sich im weiteren Verlauf der Zeiten die Verwandtschaft zwischen Glauben und Wissenschaft, man hat keine Hoffnung mehr, daß sie zusammengehen können; und das äußerste Extrem sehen wir in der Kantschen Philosophie, wo Wissenschaft und Glauben ganz und gar auseinandergetrieben werden, wo auf der einen Seite der kategorische Imperativ mit seinen praktischen Vernunftspostulaten hingestellt wird, und auf der anderen Seite die rein theoretische Vernunft, die allen Zusammenhang verloren hat, die sich sogar eingesteht: Es gibt keine Möglichkeit, von dem Wissen aus einen Zusammenhang mit den spirituellen Wahrheiten zu finden.
Cite:
GA 105/1908-08-16/p014 · edition original