Vierter Vortrag
Wir werden manches besser verstehen, wenn wir ein Geheimnis in seinem ganzen Zusammenhang uns vor Augen führen. Wir müssen uns vorstellen, daß damals die Wirkung des Lehrers auf den Schüler eine ganz andere war als heute. Heute ist nur dann, wenn der Schüler auf eine gewisse Einweihungsstufe schon gebracht ist, einigermaßen eine solche Wirkung möglich. Damals waren die Kräfte des Lehrers, die auf den Schüler übergingen, viel stärker. Von diesen Kräften machen wir uns eine Vorstellung, wenn wir sagen: Nicht nur das, was der Lehrer durch das Wort oder durch die Schrift übermitteln konnte, wirkte. Das alles wirkte eigentlich nur auf die Verstandesseele, aber außerdem wirkten magische, geheimnisvolle Kräfte vom Lehrer auf den Schüler, und es waren im wesentlichen die Kräfte des Lehrers, die da imstande waren, die Bilder, die der Lehrer vor die Seele des Schülers rückte, zu erfüllen mit Helligkeit und lebendiger Kraft. Diese eigenartige Wirkung hat sich im vierten nachatlantischen Zeitalter, der griechisch-lateinischen Kultur, erst verloren. Die Kräfte ändern sich eben. Es war ganz etwas anderes, wenn ein alter Ägypter einem jungen gegenüberstand, als wenn heute ein Lehrer dem Schüler gegenübersteht. Ganz andere Kräfte wirkten vom Alter auf die Jugend. Das muß derjenige wissen, der verstehen will, was noch im alten Griechentum beschrieben ist. So&rates hatte tatsächlich telepathische Kräfte, die er auf seine Schüler übergehen ließ, während er sie belehrte. Solches kann in unserer Zeit nicht mehr wirken. Solche Dinge werden angedeutet in P/atos Schriften. Heute würde es selbstverständlich eine verwerfliche Untugend sein, was damals durchaus berechtigt war. Es gehen eben Änderungen vor sich; niemand hat das Recht, das heute zu kopieren. Heutige Erscheinungen wollen sich darauf berufen, aber dasselbe würde heute verwerflich sein.
Cite:
GA 106/1908-09-05/p025 · edition original