Achter Vortrag

GA 106/1908-09-10/p027 ·1908-09-10 · original (original)
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Das, was jetzt beschrieben worden ist, das hat sich in einer wundersamen Sage und einem Ritus erhalten. Bekannt ist der Ritus, der erwähnt wird bei Tacitus; die Sage von der Göttin Nerthus oder Hertha, die jedes Jahr hinuntertaucht in die Meeresfluten in einem Wagen. Diejenigen aber, die sie ziehen, müssen getötet werden. Nerthus wurde aufgefaßt, wie man das eben auffaßt, als irgendein aus der Phantasie heraus gestaltetes Phantom, als irgendeine Göttin, der man einen Kultus auf irgendeiner Insel errichtet haben soll. Die Nerthus-Stätte hat man zu erkennen geglaubt in dem Hertha-See auf Rügen. Dort glaubte man die Stelle, wo der Wagen eingetaucht sei, gefunden zu haben. Eine merkwürdige Phantasie. Der Name Hertha-See ist nämlich eine ganz neue Erfindung. Er hieß früher der schwarze See wegen seiner Färbung, und keinem Menschen fiel es ein, ihn Hertha-See zu nennen und ihn auf die Göttin zu beziehen. In Wahrheit liegt viel Tieferes in dieser Sage. Nerthus ist die Übergangsstufe der jungfräulichen Befruchtung zu der späteren Menschenfortpflanzung. Nerthus, die untertaucht in ein dämmerhaftes Bewußtsein, nimmt, wenn sie in das Meer der Leidenschaft versenkt wird, das nur in einem zarten, symbolischen Akt wahr; sie nimmt nur einen Abglanz davon wahr. Diejenigen aber, die in der Zeit, als die höhere Menschheit noch so empfand, heruntergestiegen waren, die waren schon der ursprünglichen Naivität verlustig gegangen; die sahen schon diesen Akt und waren für das höhere Menschheitsbewußtsein verloren, die waren todeswürdig.

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Cite: GA 106/1908-09-10/p027 · edition original