Erster Vortrag
Viele von Ihnen werden wohl davon gehört haben: Im Winter 1888 auf 1889 brach bei Friedrich Nietzsche der Wahnsinn aus. Es ist interessant für den Leser seiner letzten Briefe zu beobachten, wie Friedrich Nietzsche sich aufteilte, in verschiedene Strömungen zerteilte in dem Augenblick, wo er sein Ich verlor. Da schreibt er an diesen oder jenen Freund oder an sich selber auch: «Da lebt ein Gott in Turin, der einmal ein Professor der Philosophie in Basel gewesen ist; aber er war nicht egoistisch genug, das geblieben zu sein.» Also er hatte sein Ich verloren, und das kleidete er in solche Worte. «Und es schreitet der Gott Dionysos am Po.» Und er schaut herab auf alle seine Ideale und Freundschaften, die unter ihm hinwandeln. Er kommt sich vor bald als der König Carlo Alberto, bald als ein anderer, bald sogar als einer der Verbrecher, von denen er in den letzten Tagen seines Lebens damals gelesen hatte. Zu dieser Zeit gab es zwei aufschenerregende Fälle von Morden, und in den Augenblicken seiner Krankheit identifizierte er sich mit den betreffenden Frauenmördern. Da empfand er nicht sein Ich, sondern eine Strömung, die in die astralische Welt hineinging. So tritt in abnormen Fällen an die Oberfläche des Lebens, was sonst durch das Zentrum des Selbstbewußtseins zusammengehalten wird.
Cite:
GA 107/1908-10-19/p014 · edition original