Zwölfter Vortrag
Wer die Einleitung des Goetheschen «Faust», den Prolog im Himmel einmal denkend verfolgt, dem wird auffallen können, wie da hineinklingt ein Wort, welches sozusagen über Jahrtausende hin reicht. Goethe hat hineinklingen lassen in den Anfang seines «Faust» die Worte zwischen dem Gotte und dem Hiob aus dem Buche «Hiob». Sie brauchen nur das Buch «Hiob» zu lesen, wie Hiob als ein gerechter, guter und frommer Mann lebt, wie da die Söhne des Gottes des Lichtes sich vor Gott einfinden und sich unter ihnen auch einfindet ein gewisser Feind des Lichtes und wie sich ein Gespräch entspinnt zwischen dem Feind des Lichtes und dem höchsten Gotte, das dahin geht, daß dieser Feind des Lichtes sagt, er habe durch die Lande geschweift und habe Verschiedenes gesucht, Verschiedenes versucht. Da fragt ihn Gott: Kennst du meinen Knecht, den Hiob? Und da sagt der Feind des Lichtes - so wollen wir ihn vorläufig nennen - zu dem Gotte: Er kenne ihn, und er wäre wohl imstande, ihn von dem Pfad des Guten abzubringen, ihn zu verderben. Und Sie wissen ja, wie zweimal dieser Geist versuchen muß, an Hiob heranzukommen, wie er ihm dann dadurch beikommt, daß er seinen äußeren physischen Körper verdirbt. Er bezeichnet das ausdrücklich dadurch, daß er dem Gott gegenüber sagt: Da wird er nicht abfallen, wenn man an seinen Besitz greift, aber wenn man an sein Fleisch greift und an sein Bein, da wird er abfallen! Wer möchte da nicht hineinklingen hören in den Worten des «Faust», wo Gott im Prolog im Himmel dem Mephistopheles die Worte entgegenruft: «Kennst du den Faust? ... Meinen Knecht!» - Und dann hört man förmlich wiederholen die Widerrede des Geistes, der damals, entsprechend dem Buche Hiob, dem Gotte entgegengerreten ist, wenn dieser Mephistopheles sagt: Er könne den Faust seine «Straße sacht führen», er könne ihn abbringen von den Wegen, die in die Welt hineinführen, die man die gute nennt. Also wir hören hier förmlich in einer Harmonie zusammenschlagen die Töne von Jahrtausenden.
Cite:
GA 107/1909-01-01/p006 · edition original