Zwölfter Vortrag
Vielleicht haben Sie schon öfters, wenn die Gestalt des Mephistopheles an Sie herangetreten ist, die Frage aufgeworfen: Wer ist denn eigentlich dieser Mephistopheles? Und hier werden schwere Fehler gemacht, die allerdings nur ausgebessert werden können durch eine tiefere okkulte Einsicht. Daß Mephistopheles mit dem Teufel oder mit der Vorstellung des Teufels zusammengebracht werden darf, darauf zielt ja schon der Name; denn das Wort «tophel» ist dasselbe wie «der Teufel». Aber die andere Frage ist diese, und hier kommen wir in ein Gebiet schwerer Irrtümer hinein, die in der Auslegung der Gestalt des Mephistopheles oftmals gemacht werden: Ob Mephistopheles zusammengeworfen werden darf mit dem Geist, den wir als den Luzifer bezeichnen, von dem wir in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit oft gesprochen haben, der in der lemurischen Zeit und nachher mit seinen Scharen an die Menschheit herantrat und in gewisser Weise in die menschliche Entwicklung eingriff? Man ist in Europa leicht geneigt, die Gestalt des Mephistopheles, wie sie im Goetheschen «Faust» gilt, wie sie aber in all den verschiedenen Produkten der Volksliteratur gegolten hat, in denen sie schon spielt und die dem Goetheschen «Faust» vorangegangen sind, in den Volksschauspielen, in den Puppenspielen und so weiter, mit dem Luzifer zusammenzuwerfen. Wir treffen da überall die Gestalt des Mephistopheles an, und die Frage ist diese: Sind die Gestalt und die Genossen des Mephistopheles dieselben wie jene Gestalt mit ihren Genossen, die wir als Luzifer kennen? Mit anderen Worten: Ist das, was an den Menschen herantritt durch mephistophelischen Einfluß dasselbe wie das, was an den Menschen herantrat durch luziferischen Einfluß? Die Frage müssen wir uns heute vorlegen.
Cite:
GA 107/1909-01-01/p007 · edition original