12. Formale Logik I

GA 108/1908-10-20/p016 ·1908-10-20 · original (original)
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Indem wir den Begriff des Begriffs vor uns hinstellen, bringen wir uns fort von allem Willkürlichen des Vorstellens. Dazu müssen wir einmal ins Auge fassen den reinen Vorstellungsverlauf und den reinen Begriffsverlauf. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Mensch bei einer Vorstellung von einem Dreieck immer nur dieses oder jenes Dreieck sich vorzustellen vermag. Wir müssen jetzt Rücksicht nehmen auf die Art der Verbindung bloßer Vorstellungen und die Art der Verbindung reiner Begriffe. Was regelt denn unser Vorstellungsleben? Wenn wir die Vorstellung einer Rose haben, so kann ganz von selbst die Vorstellung einer Person auftreten, die uns eine Rose geschenkt hat. Daran schließt sich vielleicht die Vorstellung von einem blauen Kleide, das die betreffende Person trug und so weiter. Solche Zusammenhänge nennt man: Assoziation der Vorstellungen. Dies ist aber nur die eine Art, wie die Menschen Vorstellungen miteinander verknüpfen. Sie tritt am reinsten da auf, wo der Mensch sich dem Vorstellungsleben ganz und gar überläßt. Aber auch noch nach anderen Gesetzen ist ein Aneinanderreihen von Vorstellungen möglich. Das sei an einem Beispiel gezeigt: Ein Junge sitzt im Walde unter hohen Bäumen. Ein Mensch kommt des Weges und bewundert das gute Bauholz. Guten Morgen, Zimmermann -, sagt der aufgeweckte Knabe. Ein anderer kommt und bewundert die Borke. Guten Morgen, Lohgerber -, sagt der aufgeweckte Knabe. Noch ein dritter kommt vorüber und bewundert den herrlichen Wuchs der Bäume. Guten Morgen, Maler -, sagt der Knabe. - Hier sehen also drei Menschen dasselbe, - die Bäume -, und bei jedem dieser drei Menschen treten Vorstellungen auf, die aber verschieden sind beim Zimmermann, beim Lohgerber und beim Maler. Es sind verschiedene Aneinandergliederungen der Vorstellungen, nicht bloße Assoziationen. Das kommt daher, daß der Mensch nach seinem inneren Elemente, seinem Seelengefüge, diese oder jene äußere Vorstellung mit einer anderen verbinden, nicht sich nur äußerlich den Vorstellungen überläßt. Der Mensch läßt hier die Kraft wirken, die aus seinem Inneren aufsteigt. Man nennt das: es arbeitet in ihm die Apperzeption. Apperzeption und Assoziation sind die Kräfte, die die bloßen Vorstellungen aneinandergliedern durch äußerliche oder durch subjektive innere Beweggründe. Beide, Apperzeption und Assoziation wirken im bloßen Vorstellungsleben. Ganz anders ist es im Begriffsleben. Wohin würden die Menschen kommen, wenn sie sich im Begriffsleben nur nach der Apperzeption des Subjekts und der zufälligen Assoziation richteten? Hier müssen sich die Menschen nach ganz bestimmten Gesetzen richten, die unabhängig sind von der Assoziation der Vorstellungen und von der Apperzeption des Subjektes. Wenn wir auf den bloßen äußerlichen Zusammenhang eingehen, finden wir nicht das innere Zusammengehören der Begriffe. Es gibt ein inneres Zusammengehören der Begriffe, und wir finden die Gesetzmäßigkeit hierfür in der formalen Logik.

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Cite: GA 108/1908-10-20/p016 · edition original