Okkulte Geschichte I

GA 108/1908-12-16/p017 ·1908-12-16 · original (original)
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Osiris ist gewissermaßen der Mittelpunkt Ägyptens, der unter allen Göttern vorzugsweise verehrt wurde. Unter mancherlei Namen wurden die ägyptischen Götter verehrt von Laien, Eingeweihten und Priestern. Ihr kennt die Osiris-Sage. Es wird erzählt, daß Osiris die Menschen beherrscht hat, daß sein böser Bruder Typhon gekommen ist, ihn auf listige Weise in einen Kasten gelegt hat, daß er ihn in diesem in das Meer hinausgeworfen hat, daß zurückgeblieben ist die trauernde Gattin Isis, die den Leichnam gesucht und gefunden hat, den Osiris aber nicht mehr hat hereinholen können in diese Welt, daß vom Jenseits ein Strahl des Osiris hereinfiel auf Isis und sie den Nachfolger des Osiris für diese Erde, den Horus geboren hat. Osiris blieb in der jenseitigen Welt. Und was wurde dem Ägypter gesagt? Es wurde ihm gesagt: Siehe, Osiris ist eine Wesenheit, die nahe steht den Menschen. Er ist eine der letzten Wesenheiten, mit denen die Menschen zusammen waren, als sie oben in der geistigen Welt bewußt lebten. Die Menschen sind heruntergestiegen in die physische Welt, um sich weiter zu entwickeln hier, damit sie wieder hinaufgehen können, bereichert mit den Erfahrungen der physischen Welt. Osiris ist eine von den Gestalten, die es nicht mehr nötig hatten, bis zur physischen Welt herunterzusteigen, weil sie schon früher so hoch gekommen waren, daß sie das nicht brauchten. Sie bewegten sich um eine Stufe höher; sie waren nicht geschaffen, in einem physischen Körper, der der Kasten ist, zu verweilen. Mit ihm konnten sie nur in eine flüchtige Berührung kommen. Osiris kann nur gefunden werden, wenn der Mensch in das andere Leben hinüberschreitet. Er ist die letzte Gestalt, die ihr noch erleben könnt sprach der Eingeweihte zum Ägypter -, wenn ihr euch würdig macht, wenn ihr allen Vorschriften folgt. Da werdet ihr nach dem Tode, wenn ihr gerichtet werdet, zusammensein mit Osiris. Er wird eure Wesenheit sozusagen bilden; ihr werdet euch wie Glieder des Osiris fühlen. - Also hinter den Tod mußten die verwiesen werden, die mit Osiris zusammenkommen wollten. Aber da noch mehr verblaßt war, was die Menschen nach dem Tode erleben konnten, so war es so, daß sie da, wenn sie auch vereint waren mit Osiris, nur matt und schwach dasjenige, was ihre höchste Seligkeit bildete - die Vereinigung mit Osiris -, erleben konnten. Aber sie wußten fest im Diesseits, durch den Glauben, den ihnen die Priester einprägen konnten, sie wußten und hofften es, daß sie vereint sein würden mit Osiris, und in Feieraugenblicken fühlten sie sich drüben auch als Glieder, die zur Osiris-Seele gehörten. Nach und nach mattete sich dieses Bewußtsein der Zusammengehörigkeit ab. Wie die Kultur auf dem physischen Plan höherstieg, so wurde die Kultur in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer geringer. Immer schwächer sahen die Menschen in der devachanischen Welt. Und wenn dann die Eingeweihten hinüberkamen in die jenseitige Welt, konnten sie noch immer nichts erzählen, daß etwas vorgegangen wäre in der physischen Welt, das eine besondere Bedeutung hätte für die jenseitige Welt. Was da geschah, war nur die Folge der geistigen Welt. Es konnte die Seelen der Toten nicht viel interessieren, was in der physischen Welt geschah. Was man tun konnte, war die Vorbereitung für die Osiris-Miterlebung, aber das war nur Vorbereitung für das, was sie drüben bekommen in den geistigen Urgründen.

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Cite: GA 108/1908-12-16/p017 · edition original