Der Gott des Alpha und der Gott des Omega
Es ist aber so, daß niemand hoffen kann, daß er durch das bloß verstandesmäßige Begreifen der Geisteswissenschaft aus ihr das richtige Leben ziehen könnte. Äußerlich betrachtet erscheint es so, als ob Geisteswissenschaft eine Weltanschauung wäre, allerdings umfassender und großartiger als andere. Aber sie ist noch etwas anderes; denn welche Theorie würde jene umfassenden Anschauungen über Saturn, Sonne und Mond haben können? Welche Weltanschauungen würden heute wagen, ganz bestimmte Aussagen darüber zu machen? Sie bleiben bei abstrakten Begriffen stehen, wenn sie sich über dasjenige erheben, was sinnliche Augen sehen und sinnliche Ohren hören. Solche Weltauffassungen und Theorien haben unbestimmte Begriffe über das Göttliche, das hinter dem Wirklichen webt. Auch in bezug auf andere, weniger hochfliegende Wahrheiten, wie die Lehren von Reinkarnation und Karma, auch darin ist Geistesforschung weit voran alldem, was die Wissenschaft in bezug auf die Entwickelung des Menschen zu sagen wagt. Sie könnte zwar auch zu diesen Lehren kommen; denn wenn man die Konsequenzen der materialistisch-wissenschaftlichen Tatsachen wirklich ziehen wollte, so müßten Reinkarnation und Karma längst populäre Lehren sein. Aber weil man nicht wagt in der heutigen Wissenschaft, diese Konsequenzen zu ziehen, so macht man [davor} halt. Man spricht von naturgeschichtlicher und geschichtlicher Entwickelung, aber von der wahren Entwickelung der menschlichen Individualität, die von Leben zu Leben geht und welche die Menschenseele in die Zukunft hinüberträgt, davon will man nichts hören.
Cite:
GA 109/1909-05-25/p004 · edition original