Die physische Welt als Ausdruck geistiger Wirkungen und Wesen

GA 109/1909-06-07/p003 ·1909-06-07 · original (original)
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Nun müssen wir etwas die Verhältnisse unserer physischen Welt beleuchten in ihren Beziehungen zu der gestern beschriebenen geistigen Welt, durch die der Mensch hindurchgeht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wer sich einläßt auf geisteswissenschaftliche Wahrheiten, für den ist es selbstredend, daß alles, was in der physischen Welt geschieht, der Ausdruck geistiger Wirkungen, Tatsachen und Wesenheiten ist, so daß in der geistigen Welt, im Devachan, die Untergründe aller unserer physischen Geschehnisse zu suchen sind. Nun können Sie mich fragen: Gibt es auch umgekehrt ein Hineinwirken von unserer physischen Welt in die geistige Welt? - Ja, und wir werden diese Beziehungen bei der Betrachtung des Menschenlebens am besten verstehen. Fäden werden hier in der physischen Welt von Seele zu Seele gesponnen, wie sie sich aus den mannigfaltigen Lebensverhältnissen ergeben, Bande der Freundschaft, der Liebe und so weiter werden geknüpft. Und alles das, was so angeknüpft wird von Mensch zu Mensch, das hat nicht nur für diese physische Welt Bedeutung und Wesenhaftigkeit, sondern ist auch wichtig für die geistige Welt. Und zwar kann man sagen, je geistiger hier die Beziehungen gewesen sind, desto bedeutungsvoller sind sie für die devachanische Welt. Stirbt der Mensch, so fällt auch von diesen Verhältnissen der Liebe und der Freundschaft alles das ab, was physisch ist an ihnen, und nur das Seelisch-Geistige bleibt. So zum Beispiel im Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Zunächst spinnt sich zwischen diesen beiden aus der Naturgrundlage heraus ein Verhältnis an, dieses vergeistigt sich allmählich, ja, im Laufe der Zeiten ist diese ursprüngliche Naturgrundlage etwas, was eigentlich nur Gelegenheit gegeben hat, ein Band zwischen Seele und Seele zu spinnen. Stirbt der Mensch, so fällt diese Naturgrundlage ab, aber das, was sich als Band zwischen Seele und Seele geschlungen hat, das bleibt erhalten. Und wenn Sie sich vor die Seele rücken das ganze Menschengeschlecht der Erde, alle die bestehenden Bande der Freundschaft und der Liebe, so müssen Sie sich diese Zusammenhänge denken wie ein großes Netz, wie ein gewaltiges Gewebe, und dieses Gewebe ist auch wirklich vorhanden im Devachan. Und wenn der Hellseher vom Standpunkte des Devachan auf die Erde blickt, dann sieht er dieses Gewebe geistiger Zusammenhänge. Das Gewebe dieser geistigen Zusammenhänge findet der Mensch wieder, wenn er nach dem Tode das Devachan betritt. Er ist hineingestellt in all die geistigen Zusammenhänge, die er selbst gewoben hat. Daraus beantwortet sich auch die Frage: Sieht man im Devachan seine Lieben wieder? — Ja, wir sehen sie wieder, und zwar befreit von allen Hindernissen des Raumes und der Zeit, die sich wie ein Schleier hienieden über alle diese Seelenverhältnisse legen. Im Devachan stehen die Seelen einander selbst gegenüber. Das Verhältnis von Seele zu Seele ist viel innerlicher als in der physischen Welt und viel inniger. Niemals kann im Devachan ein Zweifel sein, ob der eine den andern wiedererkennt, wenn der eine früher, der andere viel später nach langer Zwischenzeit das Devachan betritt. Das Wiedererkennen seiner Lieben dort ist gar nicht besonders schwierig, denn dort trägt sozusagen jeder seine geistige innere Wesenheit auf seinem geistigen Antlitz geschrieben. Er spricht seinen Namen selbst aus, und zwar in einer viel passenderen Weise als es hier möglich ist, als seinen eigenen Grundton — wie man im Okkultismus sagt -, der er auch selber ist in der geistigen Welt. Ein solches ungestörtes Zusammensein der sich Liebenden ist erst möglich, wenn beide im Devachan sind. Doch herrscht für den Entkörperten in bezug auf den, der noch auf der Erde sich befindet, nicht Bewußtlosigkeit; er kann dessen Tun sogar verfolgen. Irdisch-physische Farben und Formen sieht der im Devachan sich Befindende natürlich nicht, da er keine physischen Organe mehr hat im Devachan. Alles aber in der physischen Welt hat sein geistiges Gegenbild im Geistgebiet, und das nimmt der Vorangegangene wahr. Jede Handbewegung in der physischen Welt, denn ihr geht ein Wille voraus, bewußt oder unbewußt, jede Veränderung am physischen Menschen hat ein geistiges Gegenbild, das er im Devachan wahrnehmen kann. Das Sein im Geistgebiet ist nicht etwa eine Art von Traum oder Schlaf, sondern es ist durchaus ein bewußtes Leben. Denken Sie sich, daß der Mensch Anlagen und Impulse empfängt im Devachan, um mit den Lieben in einem näheren Verbande zu bleiben, um sie in einer späteren Verkörperung wieder auf Erden zu finden. Das ist vielfach der Sinn der Erdenverkörperung, immer intimere Bande zu schlingen. Das Zusammenleben im Devachan ist ein mindestens ebenso intimes, wie jedes Leben hier. Das Mitfühlen im Devachan ist ein viel energischeres, intimeres als auf der Erde; den Schmerz erleben Sie dort mit als Ihren eigenen Schmerz. Auf Erden ist mehr oder weniger persönliches Glück möglich auf Kosten der andern, im Devachan ist das ausgeschlossen. Dort würde das Unglück, das einer etwa einem andern bereitet, um selbst glücklich zu sein, auf ihn zurückstrahlen, und man könnte wirklich nicht auf Kosten der andern glücklich sein. Das ist der Ausgleich, der vom Devachan ausgeht. Die Impulse, um die Brüderlichkeit auf der Erde zu verwirklichen, bringen Sie von dort mit. Das, was im Devachan selbstverständliches Gesetz ist, das soll auf der Erde als eine Aufgabe verwirklicht werden.

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