Die physische Welt als Ausdruck geistiger Wirkungen und Wesen

GA 109/1909-06-07/p014 ·1909-06-07 · original (original)
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Eine astralische Mutterhülle trägt der Mensch mit sich herum bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife. Da wirft er sie ab, und der Astralleib wird frei: sozusagen eine dritte Geburt findet statt. Der Astralleib ist der Träger des menschlichen Urteils, der menschlichen Kritik. Man sollte abkommen von der Ansicht, daß das Kind möglichst früh zu einem selbständigen Urteil kommen soll. Vom siebenten bis vierzehnten Jahr ist es notwendig, einen weisen Gedächtnisschatz zu sammeln für das Leben, um so sich in der Zeit, wo der Astralleib geboren wird, einen möglichst reifen und reichen Seeleninhalt zu erschaffen. Erst dann soll das Urteilen beginnen. Die frühere Methode, in den Schulen das Einmaleins einfach auswendig lernen zu lassen: 1-1—1 und so weiter, ist, da sie eine rein gedächtnismäßige ist, bedeutend vorzuziehen der jetzigen abstrakten Methode, an der sogenannten Rechenmaschine das Einmaleins mit roten und weißen Kugeln zu «beweisen». Diese ist entschieden schädlich. Auch hier gilt dasselbe wie beim kleinen Kinde; dieses versteht die Sprache lange Zeit, ehe es selbst sprechen kann. So soll man es auch erst urteilen lassen wollen, wenn es einen guten Gedächtnisschatz für den Ätherleib sich angeeignet, gewisse bleibende Neigungen und Gewohnheiten entwickelt hat. Das Gefühlsleben beim Kinde zu entwickeln, das ist sehr wichtig: Dankbarkeit, Ehrfurcht und heilige Scheu sind Gefühle, die im späteren Leben sich äußern als Kraft des Segnens, der ausströmenden Menschenliebe. Die allerstärksten Impulse werden dem Ätherleib gegeben durch religiöse Erlebnisse, durch das Sich-angegliedert-Fühlen an ein Göttlich-Geistiges, an ein Weltenganzes. Das abstrakte Urteil, das soll erst gegen die Zeit hin ausgebildet werden, in der man so weich und biegsam das gemacht hat, was aus dem Ätherleib fließt, daß die Gefahr einer Angewöhnung des abstrakten und pietätlosen Denkens abgewendet ist. Je bildhafter und symbolischer die Erkenntnis dem Kinde gebracht wird, desto besser. Die Gefühlswelt entwickelt sich durch Gleichnisse und Sinnbilder, besonders durch alles, was aus der Geschichte charakteristischer Menschen vorgeführt wird, und durch Vertiefung in die Geheimnisse und Schönheiten der Natur. Von großer Bedeutung ist dabei, wie Fragen dem Kinde beantwortet werden. Zum Beispiel, als Erklärung für das Werden des Menschen, für Tod und Geburt, das Werden des Schmetterlings aus der Puppe. Es ist dies ein Bild für die Seelenhaftigkeit des Menschen, der aus dem physischen Leib herausstrebt. Aber natürlich, wenn man das dem Kinde sagt, muß man selbst daran glauben, sonst wird das Kind es auch nicht glauben. Für die Wahrheit der Bilder finden sich überall entsprechende Tatsachen in der Natur. Der Okkultist weiß, daß gerade das Bild vom Schmetterling und der Puppe zum Symbol eines viel höheren Vorgangs dienen kann. Wir müssen wieder glauben lernen an das, was heute nur eine abstrakte Philosophie zu Sagen und Märchen stempelt. Auch das Storchenmärchen, auch Lieder wie «Flieg, Käferchen, flieg» können sinnvoll erschlossen werden. Nicht wurde dieses Märchen in alten Zeiten ausgedacht, um dem Kinde eine Lüge zu sagen, sondern es ist von einem solchen erdacht, der da wußte, daß bei der Geburt etwas heruntersteigt aus der geistigen Welt. Später wird man ja ebensogut sagen können: Es ist eine Lüge, daß es in der Vergangenheit Menschen gegeben hat, welche geglaubt haben sollen, daß bei dem Werden, bei der Geburt eines neuen Menschen, kein anderer Vorgang sich abspielt als die physische Verbindung zweier Menschen. Das ist ein Märchen, das Märchen des 19. und 20. Jahrhunderts, wir wissen es wieder besser! - wird man in Zukunft sagen. Und unsere Nachkommen werden dann hoffentlich verständiger und nachsichtiger sein mit unseren Schwächen als wir mit denen unserer Vorfahren.

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