Erster Vortrag
Diese Urweltweisheit war damals bei den großen, erhabenen Rishis in einer Gestalt vorhanden, von der sich die heutige Menschheit nur sehr, sehr wenig vorstellen kann. Denn die menschlichen Denkfähigkeiten, die menschlichen Empfindungsfähigkeiten haben sich sehr geändert, seit Indiens große Lehrer zuerst die nachatlantische Menschheit belehrt haben; und wenn ohne weiteres viel von dem heute ausgesprochen würde, was aus dem Munde der heiligen Rishis geklungen hat, die meisten Seelen von heute würden auf der ganzen Erde kaum etwas anderes hören als Worte und wieder Worte. Es gehören eben noch andere Empfindungsfähigkeiten, als sie die Menschheit jetzt hat, dazu, um das wirklich zu verstehen, was zuerst als Weisheit zu der nachatlantischen Menschheit gekommen ist. Denn alles das, was aufgezeichnet worden ist von dieser Weisheit, alles, was in den schönsten und besten Büchern von dieser Urweltweisheit aufgezeichnet worden ist, das ist doch alles nur ein schwacher Nachklang der Urweltweisheit selber. Das ist in vieler Beziehung getrübte, verdunkelte Weisheit. Und wenn sie noch so schön, noch so erhaben sind, die Veden, wenn noch so schön die Lieder des Zarathustra klingen, wenn noch so herrlich zu uns spricht Ägyptens uralte Weisheit - alles, alles das, wir können es gewiß nicht genug bewundern, aber was aufgeschrieben ist, das gibt nur in einem getrübten Lichte die große Weisheit des Hermes, die große Weisheit des Zarathustra oder gar die erhabenen Erkenntnisse, welche die alten Rishis verkündet haben. Doch diese erhabene Weisheit, sie ist der Menschheit aufbewahrt geblieben, sie war immer vorhanden in gewissen, allerdings engen Kreisen, welche die heiligen Geheimnisse, wie man diese Erkenntnisse nennt, behüteten. In den Mysterien Indiens, Persiens, Ägyptens, Chaldäas, in den christlichen Mysterien und so weiter bis herauf in unsere Zeit ist aufbewahrt geblieben alles das, was Urweltweisheit der Menschen ist. Bis vor kürzester Zeit war es eigentlich nur möglich, in diesen engsten Kreisen selber nicht die Buchweisheit, sondern die lebendige Weisheit zu vernehmen. Aus Gründen, die gerade in diesem Vortragszyklus klar werden können, ist in unserer Zeit die Epoche gegeben, in welcher in größerem Umfang herausdringen soll in größere Massen der Menschheit dasjenige, was in kleinen Kreisen als Lebendiges aufbewahrt worden ist. Denn versiegt ist sie niemals, die Urweltweisheit der heiligen Rishis zum Beispiel. Sie ist durchgegangen wie durch einen Jungbrunnen in der Zeit, die wir erkennen als den Beginn unserer Zeit. Diese uralt-heilige Weisheit, die damals der Menschheit erflossen ist, sie wurde fortgesetzt von Zarathustra und seinen Schülern, von den chaldäischen, ägyptischen Lehrern, sie floß aber auch ein in die Verkündigung des Moses, und sie trat sozusagen eben gerade wie aus einem Jungbrunnen neu hervor mit völlig neuem Impuls durch die Erscheinung des Christus auf der Erde. Aber sie wurde damit zunächst auch so tief, sie wurde so innerlich, daß sie wiederum nur allmählich in die Menschheit einfließen kann. Und so sehen wir denn, daß seit den Zeiten der christlichen Verkündigung äußerlich in der Welt die Urweltweisheit einfließt in die Menschheit langsam und allmählich, im elementarsten Anfang.
Cite:
GA 110/1909-04-12/p006 · edition original