{"corpus":"steiner","locus":"GA 110/1909-04-12/p010","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Diejenigen, welche von den Mißverständnissen nicht zum Verständnis aufrücken wollen, können zum Beispiel etwas, was gestern in dem österlichen Festvortrag gesagt worden ist, sehr leicht mißverstehen. Es könnten da - wir müssen das erwähnen zu unserer Verständigung - solche kommen, die nicht vorrücken wollen zum vollen Verständnis, und könnten sagen: Du hast gestern gesprochen von den großen sogenannten heiligen Wahrheiten des Buddha. Du hast gesagt, daß der Buddha gelehrt und geoffenbart hätte die heiligen Wahrheiten vom Leiden im Leben: Geburt ist Leid, Krankheit ist Leid, Alter ist Leid, Tod ist Leid, von demjenigen getrennt sein, was man liebt, ist Leid, vereint sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leid, nicht erhalten, was man begehrt, ist Leid. Und du hast, so könnte mancher sprechen, uns gestern gesagt: Blicken wir einmal in die nachchristliche Zeit zu denjenigen, die den Christus-Impuls wirklich verstanden haben - da sollen wir uns dann zum Bewußtsein bringen, daß durch das Verständnis und die Durchdringung dieses Christus-Impulses die alten heiligen Wahrheiten des Buddha vom Leiden des Lebens nicht mehr ihre volle Gültigkeit hätten, daß sozusagen mit dem Christus-Impuls etwas geschaffen worden ist wie ein Heilmittel gegen das Leid des Lebens. Du hast gesagt, so könnte jemand sprechen, der Buddha lehrt: Geburt ist Leid; aber die Christus-Versteher antworten: Durch die Geburt treten wir ein in ein Leben, das wir mit Christus teilen, und durch den Anteil an Christus wird das Leid des Lebens ausgelöscht; ebenso wird durch die Heilkraft des Christus-Impulses die Krankheit ausgelöscht, und die Krankheit ist nicht mehr Leid für den Christus-Versteher, und Tod ist nicht mehr Leid für den Christus-Versteher und so weiter. Dann aber könnte jemand erwidern: Ja, aber ich weise dir aus dem Evangelium nach, daß in den Evangelien dieselben Sätze stehen wie in den heiligen Schriften des Buddha; auch im Evangelium können wir nachweisen, daß da steht: Leben sei Leid, Krankheit sei Leid und so weiter. Und so könnte man äußerlich sagen: Nun haben wir diese modernen religiösen Urkunden, doch wir finden ihren Inhalt schon im Buddhismus, es gibt also keinen Fortschritt in den Religionen, keine Entwickelung; alle Religionen enthalten dasselbe. Du aber hast von einem Fortschritt gesprochen, du hast dargestellt, wie sozusagen die alten heiligen Wahrheiten des Buddhismus durch das Christentum nicht mehr wahr sein sollen. - Wer so spricht, würde aber doch nur das grausamste Mißverständnis aussprechen. Denn das wurde nicht gesagt; alles, alles, nur nicht der letzte Satz wurde gesagt. Und es ist wichtig, daß man gerade in diesem subtilen Gebiete ganz genau versteht. Niemals kann der Fanatiker genau verstehen, nur der objektive Mensch kann genau verstehen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1909-04-12","location":null,"word_count":428,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/110/1909-04-12/p010","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/110/1909-04-12/p010"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/110/1909-04-12/p010","paragraph_aligned":true}],"translation_faults_against":[{"locus":"GA 110/1909-04-12/p009","lang":"en","edition":"English","translation":"rsarchive APC1928 edition (translator not named in the project's credits)","kinds":["substitution"],"note":"This sentence misstates one of the Buddha's truths of suffering as the German gives it. The German has: to be united with what one does not love is suffering. The translation has 'not to be united with what one loves is pain', which says nearly the same as the item before it (to be separated from those one loves) and drops union with the unloved.","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/110/1909-04-12/p009?edition=English"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}