Zweiter Vortrag
Nehmen wir an, es läßt der Geistesforscher den Blick zurückschweifen bis zu Karl dem Großen oder bis in die römische Zeit oder in das griechische Altertum. Alles, was da geschehen ist, ist seinen geistigen Urbildern nach durch Spuren erhalten geblieben in der geistigen Welt und kann dort geschaut werden. Dieses Schauen der Spuren, welche alle Geschehnisse in der geistigen Welt zurücklassen, nennt man das «Lesen in der Akasha-Chronik ». Es gibt eine solche lebendige Schrift, die das geistige Auge sehen kann. Und wenn der Geistesforscher Ihnen die Ereignisse von Palästina oder die Beobachtungen des Zarathustra beschreibt, so beschreibt er nicht das, was in der Bibel, was in den Gathas steht, sondern er beschreibt, was er selbst in der Akasha-Chronik zu lesen versteht. Und dann wird eben nachgeforscht, ob das, was in der Akasha-Chronik entziffert worden ist, sich auch in den Urkunden, in unserm Falle in den Evangelien, findet. Es ist also gegenüber den Urkunden ein völlig freier Standpunkt, den die Geistesforschung einnimmt. Gerade darum aber wird sie die eigentliche Richterin sein über das, was in den Urkunden vorkommt. Wenn uns aber in den Urkunden das gleiche entgegentritt, was wir in der Akasha-Chronik selbst zu verfolgen in der Lage sind, dann ergibt sich für uns, daß diese Urkunden wahr sind, und ferner, daß sie jemand geschrieben haben muß, der auch in die Akasha-Chronik zu schauen vermag. Viele der religiösen und anderen Urkunden des Menschengeschlechtes erobert die Geisteswissenschaft auf diese Weise wieder. An einem besonderen Kapitel der Menschheitsentwickelung, an dem Johannes-Evangelium und seiner Beziehung zu den anderen Evangelien wollen wir uns das, was jetzt gesagt worden ist, veranschaulichen. Aber Sie dürfen sich nicht vorstellen, daß die Akasha-Chronik, die geistige Geschichte, die wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem geöffneten Auge des Sehers daliegt, etwa wie eine Schrift der gewöhnlichen Welt ist. Eine Art lebendiger Schrift ist sie, und wir wollen versuchen, uns das an dem Folgenden klarzumachen.
Cite:
GA 112/1909-06-25/p006 · edition original