Siebenter Vortrag
Nichts, aber auch gar nichts weist an dieser Stelle darauf hin, daß irgendwie derjenige, der später der Jünger genannt wird, «den der Herr lieb hatte », hier gemeint ist. Dieser Jünger kommt nicht vor im Johannes-Evangelium bis zu der Stelle, wo Lazarus auferweckt ist. Warum ist das so? Weil derjenige, der sich hinter dem Jünger verbirgt, «den der Herr lieb hatte», derselbe ist, den der Herr schon früher lieb hatte. Er hatte ihn so lieb, weil er ihn unsichtbar, in seiner Seele, schon als seinen Jünger erkannt hatte, der auferweckt werden wird und die Botschaft von dem Christus in die Welt hinaustragen sollte. Deshalb tritt der Jünger, der Apostel, «den der Herr lieb hatte», auch erst auf von der Schilderung der Auferweckung des Lazarus an. Da war er es erst geworden. Da war des Lazarus Individualität so umgeändert, daß sie zur Johannes-Individualität im Sinne des Christentums geworden war. So sehen wir im höchsten Sinne eine Taufe durch den Christus-Impuls selber an Lazarus vollführt: Lazarus ist zum Eingeweihten im neuen Sinne des Wortes geworden, indem noch an den alten Formen, an der Lethargie, in einer gewissen Weise festgehalten worden ist und so ein Übergang geschaffen wurde von der alten zur neuen Einweihung.
Cite:
GA 112/1909-06-30/p034 · edition original