Achter Vortrag
Wir dürfen daher von vornherein vermuten, daß uns dieses Johannes-Evangelium, das von der heutigen, rein historisch-kritischen theologischen Forschung so malträtiert wird und nur als lyrischer Hymnus, als eine subjektive Äußerung dieses Schriftstellers hingestellt wird, in die tiefsten Geheimnisse des Christus-Impulses hineinblicken lassen wird. Heute bildet für die Materialisten in der Bibelforschung dieses Johannes-Evangelium einen Stein des Anstoßes, wenn man es vergleicht mit den drei anderen, den sogenannten synoptischen Evangelien. Das Christus-Bild, das sie sich nach den drei ersten Evangelien machen, schmeichelt ja den gelehrten Herren unserer Zeit so sehr. Da ist sogar das Wort schon gefallen - und sogar von theologischer Seite ist das geschehen -, daß man es zu tun habe mit dem «schlichten Mann aus Nazareth». Und immer wieder wird es betont, daß man ein Bild des Christus gewinnen könne als das eines Edelsten vielleicht, der über die Erde geschritten ist, aber eben doch nur das Bild eines Menschen. Ja es ist sogar die Tendenz vorhanden, dieses Bild so weit wie möglich zu vereinfachen, und man hört dabei sagen, daß es einen Plato, einen Sokrates und noch andere Große auch gegeben hat. Man gibt wohl auch zu, daß es Gradunterschiede zwischen den einzelnen gibt.
Cite:
GA 112/1909-07-01/p007 · edition original