Neunter Vortrag
Nur müssen wir alles in den Evangelien wörtlich nehmen, das heißt, sie zuerst lesen lernen. Warum wird zum Beispiel gerade in dem ersten der Zeichen - wie gesagt, die tiefere Bedeutung der Wunder werden wir noch kennenlernen -, beider Besprechung der Hochzeit zu Kana in Galiläa besonders betont, daß das geschah «zu Kana in Galiläa»? Es gibt — Sie können forschen, wo Sie wollen — in dem alten Palästina, in dem Umkreise, der damals bekannt sein konnte, kein zweites Kana. Bedarf es aber bei den Orten, die einzig da sind, eines besonderen Zusatzes? Warum sagt trotzdem der Evangelist, wenn er auf dieses Wunder zu sprechen kommt, daß es geschah «zu Kana in Galiläa »? Weil es darauf ankommt, zu betonen, daß da etwas geschah, was in Galiläa geschehen mußte, Das heißt, der Christus hätte die Menschen, die dazu nötig waren, nicht in anderen Gegenden als gerade in Galiläa gefunden. Ich sagte schon, zu einer Wirkung gehört nicht nur der eine, der wirkt, sondern es gehören auch die anderen dazu, die entsprechend geeignet sind, diese Wirkung anzunehmen. Sein erstes Auftreten hätte der Christus nicht haben können innerhalb der jüdischen Gemeinde selber, wohl aber in Galiläa, an demjenigen Orte, wo gemischt waren die verschiedensten Völkerstämme und Völkergruppen. Gerade dadurch, daß an einem Orte zusammengekommen waren aus den verschiedensten Teilen der Welt die verschiedensten Völker, gerade dadurch war hier in Galiläa nicht mehr dieselbe Blutsverwandtschaft und vor allen Dingen nicht mehr der Glaube an diese Blutsverwandtschaft vorhanden wie in Judäa, bei dem engeren hebräischen Volke. Durcheinandergewürfelt waren die Menschen in Galiläa. Wozu aber mußte sich der Christus vermöge seines Impulses gerade besonders berufen fühlen?
Cite:
GA 112/1909-07-02/p015 · edition original