Neunter Vortrag
Zuerst wird uns bei diesem ersten Zeichen gesagt: Da war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa. Nun müssen wir uns bewußt sein, daß in dem Johannes-Evangelium kein Wort steht, das nicht eine besondere Bedeutung hätte. Warum also eine «Hochzeit»? Weil durch die Hochzeit einmal das bewirkt wird, was durch die Christus-Mission in so eminenter Weise bewirkt wird: durch die Hochzeit werden die Menschen zusammengeführt. Und eine Hochzeit «in Galiläa»? In Galiläa war es, daß die alten Blutsbande getrennt wurden, daß fremdes Blut mit fremdem Blut sich mischte. Was der Christus tun sollte, hing aber gerade zusammen mit der Blutmischung. Also haben wir es zu tun mit einer Verbindung unter Menschen, um Nachkommen zu haben, von Menschen, die nicht mehr blutsverwandt sind. Nun wird Ihnen allerdings recht wunderbar erscheinen, was ich Ihnen jetzt sage. Was hätten Leute in ganz alten Zeiten in einem solchen Falle, wie er da vorlag, gefühlt, in Zeiten, da noch das vorhanden war, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne nennen möchte die «nahe Ehe»? Denn das ist durchaus etwas, was zur Menschheitsentwickelung gehört, daß sich eine ursprüngliche «nahe Ehe» verwandelt hat in eine «ferne Ehe». Und es liegt schon in dem, was ich bisher gesagt habe, ausgedrückt, was die nahe Ehe ist. Bei allen Völkern finden Sie in den alten Zeiten das eine, daß es gegen ein Gesetz des Volkes gewesen wäre, aus dem Stamm, aus der Blutsverwandtschaft herauszuheiraten. Was blutsverwandt war, was in denselben Stamm hineingehörte, das heiratete sich; und dieses Heiraten innerhalb desselben Stammes, innerhalb des verwandten Blutes, das hatte eben zur Wirkung das Wunderbare, was durch die geisteswissenschaftliche Forschung jederzeit konstatiert werden kann, daß große magische Kraft ausgeübt werden konnte. Die Nachkommen innerhalb eines blutsverwandten Stammes hatten durch diese Verwandten-Ehe magische Kräfte, die von Seele zu Seele wirkten. Wenn wir zu einer Hochzeit in uralten Zeiten gerufen worden wären, was wäre da der Fall gewesen? Nehmen wir einmal an, es wäre meinetwillen der Trank, den man dazumal gerade brauchte, also der Wein, ausgegangen. Was wäre da geschehen? Es hätte bloß durch die Bande der Blutsverwandtschaft das richtige Verhältnis da zu sein brauchen in dieser blutsverwandten Hochzeitsfamilie, und man hätte durch die magische Gewalt der Blutsliebe erleben können, daß zum Beispiel das Wasser, das in einem späteren Augenblicke des Hochzeitsfestes statt des Weines gereicht worden wäre, durch den seelischen Einfluß dieser Persönlichkeiten von den anderen empfunden worden wäre als Wein. Wein hätten sie getrunken, die anderen, wenn das richtige magische Verhältnis der einen Persönlichkeit zu den anderen dagewesen wäre. Sagen Sie nicht: Dieser Wein wäre ja doch Wasser gewesen! Ein vernünftiger Mensch muß sich darauf die Antwort geben: Für den Menschen sind die Dinge dasjenige, als was sie sich seinem Organismus mitteilen, was sie dem Menschen werden, nicht wie sie aussehen. Ich glaube, noch heute würden manche Weinliebhaber es ganz gern haben, wenn man ihnen Wasser reichte, wenn nur durch irgendeinen Einfluß bewirkt werden könnte, daß das Wasser so schmeckte wie Wein und es in ihrem Organismus die Wirkung des Weines hätte. Mehr ist ja nicht notwendig, als daß für den Menschen Wasser Wein ist. Was war also in alten Zeiten notwendig, damit ein solches Zeichen hat geschehen können, daß in den Gefäßen Wasser war, daß es aber Wein war, wenn es getrunken wurde? Es war die magische Gewalt, die durch die Blutsverwandtschaft bewirkt wurde, notwendig. Aber die Kraft in den Seelen, so etwas zu empfinden, die war da bei den Leuten auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Ein Übergang mußte nur geschaffen werden.
Cite:
GA 112/1909-07-02/p020 · edition original