Elfter Vortrag
Nehmen wir an, ich nehme die Meinung des anderen in mich auf, suche in mir selber Harmonie herzustellen, so werde ich in ganz anderer Weise zu dem anderen stehen. Dann werde ich anfangen, ihn erst zu verstehen. Ableitung des Streites in der Außenwelt in eine Harmonisierung der inneren Kräfte des Menschen, so könnten wir auch ausdrücken den Fortgang in der Menschheitsentwickelung. Durch den Christus mußte dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, in sich harmonisch zu werden, in sich die Möglichkeit zu finden, die widerstrebenden Kräfte in seinem eigenen Innern zu harmonisieren. Der Christus gibt dem Menschen die Kraft, zuerst in sich selbst den Streit zu tilgen. Ohne den Christus ist das nimmermehr möglich. Und die alten, die vorchristlichen Menschen haben in bezug auf den äußeren Streit mit Recht eines als das Furchtbarste angesehen: den Streit des Kindes gegen Vater und Mutter. Und als das schrecklichste und scheußlichste Verbrechen wurde in den Zeiten, in denen man gewußt hat, wie sich die Dinge entwickeln würden ohne den Christus-Impuls, der Vatermord angesehen. Das haben sie klar zu erkennen gegeben, jene alten Weisen, die voraussahen, daß der Christus kommen werde. Aber auch das wußten sie, wozu es in der Außenwelt führen müsse, wenn der Kampf nicht zuerst im eigenen Innern vollzogen würde.
Cite:
GA 112/1909-07-04/p026 · edition original