{"corpus":"steiner","locus":"GA 112/1909-07-04/p031","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Es war ein König in Theben. Laios war sein Name. Iokaste war seine Gattin. Lange hatten sie beide keine Nachkommen. Da fragte Laios an bei dem Orakel zu Delphi, ob er nicht einen Sohn bekommen könne. Und das Orakel gab ihm die Antwort: Wenn du einen Sohn haben willst, so wird es ein solcher sein, der dich selber töten wird! — Und im Rausche, das heißt im herabgeminderten Bewußtseinszustand, da vollführte Laios das, wodurch er zu einem Sohne kam. Oedipus wurde geboren. Laios wußte: Das wird der Sohn sein, der ihn selber tötet, und er beschloß, ihn auszusetzen. Und damit er ganz zugrunde gehe, ließ er ihm die Füße durchbohren; dann wurde er ausgesetzt. Ein Hirt fand das Kind und erbarmte sich seiner. Er brachte es nach Korinth, und dort wurde Oedipus in dem Königshause aufgezogen. Als er herangewachsen war, erfuhr er das Orakel: daß er seinen Vater töten und sich mit seiner Mutter vereinigen würde. Aber es konnte nicht verhindert werden. Fortwandern sollte er aus dem Orte, wo er war, weil man ihn dort für das Königskind hielt. Da traf er auf seinem Wege gerade seinen wirklichen Vater, und ohne ihn zu kennen, tötete er ihn. Er kam nach TTheben. Und weil er die Fragen der Sphinx beantwortete, weil er das Rätsel des grausigen Ungeheuers löste, das so vielen den Tod gebracht hatte, mußte die Sphinx sich töten. Daher war er zunächst ein Wohltäter seines Vaterlandes. Er wurde zum König erhoben und erhielt die Hand der Königin, und das war die Hand seiner Mutter. Ohne daß er es wußte, hatte er seinen Vater getötet und sich mit seiner Mutter verbunden. Jetzt herrschte er als König. Aber dadurch, daß er auf diese Weise zu seiner Herrschaft gekommen war, daß dieses Furchtbare an ihm haftete, dadurch brachte er unsägliches Unglück über sein Land, so daß er uns zuletzt in dem sophokleischen Drama als der Geblendete, der sich selbst das Augenlicht genommen hat, entgegentritt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Elfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1909-07-04","location":null,"word_count":322,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/112/1909-07-04/p031","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/112/1909-07-04/p031"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/112/1909-07-04/p031","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}