Elfter Vortrag
Unter dem Eindrucke dieser Weisheit, die ihr aus dem Traum zufloß, brachte die Mutter das Kind, das sie geboren hatte, auf die Insel Kariot. Dort wurde es ausgesetzt, aber von einer benachbarten Königin gefunden. Die nahm das Kind auf und erzog es selber, weil das Ehepaar kinderlos war. In späterer Zeit bekam dann dieses Ehepaar ein eigenes Kind, und da fühlte sich der aufgelesene Findling bald beeinträchtigt, und infolge seines leidenschaftlichen Temperamentes tötete er den Sohn des Königspaares. Jetzt aber konnte er dort nicht mehr bleiben, er mußte fliehen und kam an den Hof des Landpflegers Pilatus. Dort wurde er bald ein Aufseher in dessen Hauswesen. Dann bekam er aber einmal Streit mit seinem Nachbarn, von dem er nur wußte, daß er sein Nachbar war: Im Streit erschlug er ihn - und wußte nicht, daß es sein eigener Vater war. Und darauf ehelichte er die Gattin dieses Nachbars, seine Mutter! Dieser Findling war der Judas aus Kariot. Und als er seine furchtbare Lage gewahr wurde, da flüchtete er wieder. Und er fand nur einzig und allein Erbarmen in seiner Lage bei demjenigen, der das Erbarmen für alle hatte, die in seine Umgebung traten, der nicht nur mit Zöllnern und Sündern an einem Tische saß, sondern der trotz seines tiefen Blickes auch diesen großen Sünder in seine Nähe nahm; denn es war seine Aufgabe, nicht bloß für die Guten, sondern für alle Menschen zu wirken und sie von der Sünde in das Heil zu führen. So kam der Judas aus Kariot in die Umgebung des Christus Jesus. Und nun brachte er das Unheil, das vorausgesagt war, und das - nach dem Schillerschen Spruch: «Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären» - sich auswirken mußte, in den Kreis des Christus Jesus hinein. Er wurde der Verräter des Christus Jesus. Im Grunde genommen war das, was sich an ihm erfüllen sollte, schon erfüllt mit dem Vatermord und der Mutterehe. Aber er blieb sozusagen als ein Werkzeug übrig, weil er Werkzeug sein sollte, das böse Werkzeug, welches das Gute herbeiführen sollte, um damit sozusagen noch eine Tat über die Erfüllung hinaus zu verüben.
Cite:
GA 112/1909-07-04/p039 · edition original