Vierzehnter Vortrag
Das aber gehört dazu, wenn wir einen Zyklus von solchen Vorträgen gehört haben, daß wir uns sagen: Wir haben nicht nur eine Summe von Erkenntnissen gewonnen, nicht nur eine Summe von einzelnen Wahrheiten aufgenommen. Das wäre, obwohl es unerläßlich ist, das geringere Notwendige der Sache; nur können wir das andere nicht erhalten ohne dieses. Das aber, was uns aus solchen Betrachtungen hervorgehen soll als eine besondere Frucht, das ist, daß alles das, was wir aufgenommen haben mit unserm Geiste, wenn wir es nun in unser Herz senken, zu einem Gefühl für die Sache, zu Empfindungen, zu Willensimpulsen selber werde. Wenn Herzenswärme dasjenige wird, was wir durch den Geist aufgenommen haben, dann wird es Kraft in uns, dann wird es heilende Kraft in uns für Geistiges, Seelisches und Physisches. Und dann sagen wir uns: Wir sind während unserer geistigen Betrachtungen untergetaucht gewesen in das geistige Leben. Wir haben mancherlei durch dieses geistige Leben uns angeeignet während einer vierzehntägigen Betrachtung, aber wir haben uns nicht nur angeeignet leere Begriffe und Ideen, sondern solche Wahrheiten, Begriffe und Ideen, die geeignet dazu sind, aufzuquellen in der Seele zu einer lebendigen Stärke unserer Gefühle und unserer Empfindungen. Und diese Gefühle und Empfindungen werden uns bleiben, sie sind unverlierbar für uns; mit ihnen leben wir weiter in der Welt. Wir haben nicht nur etwas gelernt, sondern wir sind lebendiger geworden durch das, was wir gelernt haben. — Verlassen wir diesen Zyklus, indem wir solche Gefühle in uns aufnehmen, dann wird uns Geisteswissenschaft ein Lebensinhalt werden; dann wird Geisteswissenschaft uns etwas werden, was uns nicht dem äußeren Leben entzieht, sondern sie wird uns selber etwas werden wie ein Abbild des Höchsten, was uns in diesen Vorträgen charakterisiert worden ist. Charakterisiert worden ist uns, daß zwar Tod sein mußte in der Welt, aber daß die Anschauung, die wir von dem Tod haben, nicht die richtige ist; daß der Christus uns die rechte Anschauung über den Tod gelehrt hat. Dadurch ist der Tod der Same geworden für ein höheres Leben.
Cite:
GA 112/1909-07-07/p075 · edition original