Achter Vortrag
Nun schreitet die Menschheit aber vor in der Zeit; sie kommt immer weiter, bildet neue Glieder aus. In der altindischen Periode hat man den Ätherleib und seine Organe ausgebildet; in der urpersischen Periode bediente man sich des Empfindungsleibes und bildete diesen aus, und in der chaldäisch-ägyptischen Periode bildete man nun die Empfindungsseele, das heißt ein vorzugsweise inneres Glied aus, Während der Empfindungsleib noch nach außen gerichtet ist, ist die Empfindungsseele schon nach innen gerichtet. Man entfernt sich also von demjenigen noch mehr als früher, was göttlich-geistige Welten sind. Man lebt ein inneres Leben in der Seele und muß dies Leben gegenüber dem, was nicht im Menschen ist, beschränken auf das, was die Sinne wahrnehmen. So ist auf der einen Seite immer mehr und mehr das Reich der Sinnenwelt dagewesen, und auf der anderen Seite hat sich das Seelenleben immer mehr und mehr verselbständigt. Die Kultur der Empfindungsseele ist die Kultur des dritten Zeitraums. Dasjenige aber, was die Empfindungsseele ausbildet, das sind jetzt nicht mehr geschaute Weisheiten, die wie aus einem Teppich der Umwelt abgelesen werden. Das ähnelt schon dem, was der heutige Mensch ausdenkt, obwohl es, weil der heutige Mensch schon bis zur Bewußtseinsseele vorgedrungen ist, damals noch viel lebendiger ist. Es sind sozusagen die Gedanken noch vollsaftiger; sie sind lebendigere Gedanken als heute, Gedanken, die so lebendig sind, wie heute für uns die Empfindung «rot» ist. Der Mensch empfindet heute seine Gedanken nicht mehr mit derselben Intensität, wie er einen Geschmack oder Geruch empfindet. Damals, als in der ägyptischen Zeit die Empfindungsseele vorzugsweise ausgebildet wurde, waren die Gedanken so, daß sie so lebendig in der Seele lebten wie heute die Empfindung der roten Farbe, eines Geruchs oder eines Geschmacks. Heute sind die Gedanken abgeblaßt, abstrakt geworden. Konkret waren sie damals. Sie waren noch mehr geschaute Gedanken, wenn auch nicht solche Gedanken, die man draußen ausgespannt erblickte in der physischen Welt, so doch Gedanken, von denen man fühlte: man hat sie nicht ausgeklügelt, sondern es sind Gedanken, die aufsteigen in der Seele wie Eingebungen, die auffluteten und da waren. Man sagte nicht mehr: man atmet die Weisheit ein — aber man ist von den Gedanken lebendig durchdrungen, sie sprießen herauf in der Seele, sie sind von der spirituellen Welt in unsere Seele heraufgetrieben.
Cite:
GA 113/1909-08-30/p027 · edition original