Neunter Vortrag

GA 113/1909-08-31/p017 ·1909-08-31 · original (original)
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Nunmehr wollen wir das noch einmal so recht vor unsere Seele stellen, was uns aus alledem hervorging. Daß mit dem Christus etwas ganz Besonderes eingeschlagen hat in die Erdenentwickelung, das ist etwas, was in der Geisteswissenschaft da, wo sie ihre wahren Pflegestätten hat, gefühlt und erkannt wird. Gefühlt und erkannt wird in den Stätten wahrer Geisteswissenschaft, daß es eines gibt, was zunächst geht durch alle Kulturen der nachatlantischen Zeit; was schon gegangen ist durch die uraltindische, die urpersische, die chaldäisch-ägyptische Kultur und so weiter, was gehen wird auch durch diejenigen Kulturen, die auf diese folgen bis zur nächsten großen Katastrophe und darüber hinaus. Wenn wir uns fragen: Wo können wir eine wahrere Gestalt dessen finden, was durch die ganze Menschheitsentwickelung durchgeht, als wir sie finden können durch die Sinnesanschauung oder den menschlichen Verstand? — so müssen wir bei der Geisteswissenschaft anfragen und sagen: Wie nennt man das, was in der spirituellen Welt zu entdecken ist, und was sich gewissermaßen wie eine fortlaufende Geistesströmung durch alle diese sieben Kulturen durchbewegt? — Man hat gerade in der orientalischen Weisheit ein Wort geprägt für dasjenige, was sich durch alle diese Kulturen durchzieht; es ist, wenn man es in Wirklichkeit betrachtet, nicht etwas Abstraktes, sondern etwas Konkretes, ein Wesen. Und will man dieses Wesen näher bezeichnen, von dem im Grunde genommen alle anderen Wesen, seien es die sieben heiligen Rishis oder selbst höhere Wesenheiten, die gar nicht heruntersteigen bis zur physischen Verkörperung, Sendboten sind, so können wir es bezeichnen mit einem Namen, den der Orient richtig geprägt hat. Alle Verkündigung, jegliche Weisheit in der Welt führt zunächst auf diese eine Quelle zurück, auf die Quelle der Urweisheit, welche ein Wesen besitzt, das durch alle Kulturen der nachatlantischen Zeit sich hindurchentwickelt, das in jeder Epoche in dieser oder jener Form erscheint, das aber immer ein Wesen ist, ein Grundträger der Weisheit, die in den verschiedensten Gestalten erschienen ist. Wenn ich Ihnen gestern beschrieben habe, wie — gleichsam einatmend — die heiligen Rishis diese Weisheit konkret erfaßt haben, so war dasjenige, was da draußen wie die Seele des Lichtes ausgebreitet war und als Lichtweisheit eingeatmet wurde von den heiligen Rishis, der Ausfluß jener erhabenen Wesenheit, von der hier die Rede ist. Und für die anderen Zeitalter ist dasjenige, was wir gestern erwähnen konnten als ihre Weisheit — zum Beispiel in jener ganz anderen Anschauung, wie sie in der urpersischen Kulturepoche zum Ausdruck kam -, wiederum herabgeströmt von dieser einen Wesenheit, die der große Lehrer aller Kulturen ist. Jene Wesenheit, die der Lehrer der heiligen Rishis, die der Lehrer des Zarathustra, der Lehrer des Hermes war, die man als den großen Lehrer bezeichnen kann und die in den verschiedensten Epochen in der verschiedensten Weise sich manifestierte, die natürlich für den äußeren Blick zunächst tief verborgen bleibt, bezeichnet man mit einem aus dem Orientalischen heraus geprägten Ausdrucke als Gesamtheit der Bodhisattvas. Die christliche Anschauung würde sie als Heiligen Geist bezeichnen. Wenn man vom Bodhisattva spricht, spricht man von einer über alle Kulturen hin sich ziehenden Wesenheit, die sich auf die eine oder andere Weise kundgeben und manifestieren kann für die Menschen. Das ist der Geist der Bodhisattvas. Zu den Bodhisattvas haben sie alle aufgeblickt, haben die heiligen Rishis, hat der Zarathustra, der Hermes, der Moses aufgeblickt, gleichgültig wie sie die betreffende Wesenheit empfunden und genannt haben. Man kann sie mit diesem einen Namen belegen, sie ist «der große Lehrer», und zu ihm blicken auf diejenigen, die die Lehren der nachatlantischen Zeit empfangen wollen und können. Dieser Bodhisattva-Geist unserer nachatlantischen Zeit hat mehrmals Menschengestalt angenommen, eine derselben interessiert uns aber vor allen Dingen. Ein Bodhisattva hat die weithin leuchtende Menschengestalt angenommen, gleichgültig wie er sich sonst manifestiert hat, in jener Wesenheit, die man als Gautama Buddha bezeichnet. Und es war ein Fortschritt des entsprechenden Bodhisattva, als er nicht mehr bloß zu bleiben brauchte in den oberen geistigen Regionen, sondern es so weit gebracht hatte durch seine Ausbildung innerhalb der geistigen Regionen, daß er die physische Leiblichkeit so weit bezwingen konnte, um in Buddha Mensch zu werden. So also haben wir in dem Buddha eine der Menschwerdungen eines Bodhisattva zu sehen, eine der Menschwerdungen der allumfassenden Weisheitsgestalten, wie sie dem Erdenwerden zugrunde liegen. In dem Buddha haben wir sozusagen die Verkörperung jenes großen Lehrers, der einfach die wesenhafte Weisheit selber genannt werden kann. So sehen wir den Buddha in der richtigen Weise an: Er ist die Erdenwerdung des Bodhisattva. Und es braucht dann nicht geglaubt zu werden, daß ein Bodhisattva nur in dem Buddha sich verkörpert hat, sondern es hat sich ganz oder teilweise ein solcher auch in anderen menschlichen Persönlichkeiten verkörpert. Aber solche Verkörperungen müssen wir nicht alle nach der Schablone auffassen, sondern wir müssen uns klar sein darüber, daß so, wie ein Bodhisattva lebte im Ätherleib des Gautama Buddha, ein solcher auch in Leibesgliedern anderer menschlicher Individuen lebte. Und weil die Wesenheit desjenigen Bodhisattva, welcher den Astralleib des Zarathustra geerbt hatte, einströmte in die Glieder anderer Individualitäten, zum Beispiel des Hermes, so kann man - aber nur wenn man die Sache so versteht- auch andere Individualitäten, die wiederum große Lehrer sind, eine Verkörperung eines Bodhisattva nennen. Man kann von einer immer und immer wiederkehrenden Verkörperung des Bodhisattva sprechen, muß aber wissen, daß der Bodhisattva hinter all den Menschen, in denen er sich verkörpert, gestanden hat als Teil derjenigen Wesenheit, die selber die personifizierte Allweisheit unserer Welt ist.

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