Neunter Vortrag
Wollen wir daher zu der lebendigen Wesenheit, zu dem Lebensquell auf unserer Erde hinblicken, so müssen wir zu derjenigen Verkörperung hinblicken, wo nicht bloß ein Bodhisattva sich verkörperthat, so daß dies das Wesentliche ist, sondern wo dasjenige sich verkörpert hat, was selber kein Schriftwerk zu hinterlassen brauchte, was nicht selber eine Lehre von sich hinterlassen hat, sondern um sich diejenigen gesammelt hat, die über es Botschaften und Lehren in die Welt verbreitet haben. Das ist wesentlich, daß von dem Christus selber nicht ein Schriftstück vorhanden ist, sondern daß die Lehrer um ihn herum sind und über ihn reden, so daß er das Objekt der Lehre ist, nicht nur das Subjekt. Das drückt sich aus in dem eigentümlichen Umstande, der hier eine Notwendigkeit bedeutet bei dem Christus-Ereignis, daß von ihm selber nichts erhalten ist, sondern daß die anderen seine Wesenheit aufgeschrieben haben. Es ist daher gar kein Wunder, wenn gesagt wird, daß wir alles, was wir als Lehren des Christus finden, auch in anderen Bekenntnissen finden können, weil Christus gar nicht bloß Lehrer ist, weil er eine Wesenheit ist, die als Wesenheit begriffen werden will, weil er nicht bloß durch seine Lehren in uns etwas hineinversenken will, sondern durch sein Leben. Daher können wir aber auch alle Lehren der Welt, die uns zugänglich sind, zusammenbringen, und wir werden noch nicht alles haben, was den Christus begreifen kann. Wenn die gegenwärtige Menschheit sich nicht direkt hinaufwenden kann zu den Bodhisattvas, um mit den geistigen Augen der Bodhisattvas den Christus anzuschauen, so muß die Menschheit eben noch bei diesen Bodhisattvas in die Schule gehen, um dasjenige zu lernen, was dann den Christus zuletzt begreiflich machen kann. Wollen wir also nicht nur des Christus teilhaftlig werden, sondern wollen wir den Christus verstehen, dann müssen wir nicht nur bequem hinblicken darauf, was der Christus für uns getan hat, sondern dann müssen wir bei allen Lehrern des Westens und des Ostens in die Schule gehen, und es muß uns ein Heiliges sein, die Lehren des ganzen Blickkreises uns anzueignen; und das andere Heilige muß uns sein, diese Lehren so zu verwenden, daß wir durch die höchsten Lehren den Christus vollständig begreifen.
Cite:
GA 113/1909-08-31/p020 · edition original