Erster Vortrag
Eine noch höhere Stufe der Erkenntnis ist dann die Intuition, sofern man das Wort Intuition nicht wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch anwendet, wo alles Unklare, was einem einfällt, Intuition genannt wird, sondern wenn man den Begriff Intuition in dem wirklich geisteswissenschaftlichen Sinne nimmt. Da ist die Intuition eine Erkenntnis, wo man nicht nur geistig hinhorchen kann auf das, was die Wesenheiten aus sich selbst heraus einem mitteilen, sondern wo man eins wird mit diesen Wesenheiten, wo man in die eigene Wesenheit derselben untertaucht. Das ist eine hohe Stufe der geistigen Erkenntnis. Denn sie erfordert, daß der Mensch zuerst jene Liebesentfaltung zu allen Wesenheiten in sich vollzieht, wo er keinen Unterschied mehr macht zwischen sich und den anderen Wesenheiten in der geistigen Umgebung, wo er seine Wesenheit sozusagen ausgegossen hat in die ganze geistige Umgebung, wo er also wirklich nicht mehr außerhalb der Wesenheiten ist, die mit ihm geistig verkehren, sondern wo er innerhalb dieser Wesenheiten ist, in ihnen steht. Und weil das nur sein kann gegenüber einer geistiggöttlichen Welt, so ist der Ausdruck Intuition, das ist «im Gotte stehen», ganz berechtigt. — So also erscheinen uns zunächst diese drei Stufen der Erkenntnis der übersinnlichen Welt: die Imagination, die Inspiration und die Intuition.
Cite:
GA 114/1909-09-15/p012 · edition original