Neunter Vortrag
Um das zu verstehen, müssen wir erst einmal gründlich mit einem anderen Urteile brechen, das so häufig ausgesprochen wird, und an dem die menschliche Bequemlichkeit so gerne hängt. Das ist das Urteil, die Natur oder die Entwickelung mache keine Sprünge. Es kann, wenn man die gewöhnliche Auffassung dieses Satzes zugrunde legt, gar keinen falscheren Satz geben als gerade diesen. Die Natur macht fortwährend Sprünge! Und das ist gerade das Wesentliche, daß Sprünge geschehen. Sehen wir uns zum Beispiel an, wie sich der Pflanzenkeim entwickelt. Wenn er das erste Blättchen herauswachsen läßt, so ist das ein bedeutsamer Sprung. Ein weiterer bedeutsamer Sprung finder statt, wenn die Pflanze übergeht vom Blatt zur Blüte, dann wieder, wenn es vom äußeren zum inneren Teil der Blüte geht, und ein weiterer, ganz bedeutsamer Sprung geschieht in der Ausbildung der Frucht. Es geschehen fortwährend Sprünge, und wer das nicht berücksichtigt, wird die Natur nicht begreifen. Er wird glauben, wenn er die Menschheitsentwickelung betrachtet und an einem Jahrhundert bemerkt, daß da die Entwickelung im Schneckenschritte vorwärtsgeht, daß dann auch zu anderen Zeiten die Entwickelung in demselben Tempo vorwärtsgehen müsse. Es kann aber durchaus sein, daß die Entwickelung zu einer gewissen Zeit langsam geht wie bei der grünen Pflanze vom ersten grünen Blatt bis zum letzten; wie aber dann bei der Pflanze ein Sprung geschieht, wenn sich das letzte Blatt entwickelt hat und die Blüte ansetzt, so geschehen in der Menschheitsentwickelung fortwährend Sprünge.
Cite:
GA 114/1909-09-25/p004 · edition original