Neunter Vortrag
Das sind die wärmsten Worte im Lukas-Evangelium, wo von dieser überschäumenden Liebe geredet wird. Das Lukas-Evangelium enthält diese Kraft der überströmenden Liebe, wenn wir die Worte so auf uns wirken lassen, daß wir sie finden, diese überströmende Liebe, daß sie alle unsere Worte so durchdringt, daß sie die entsprechende Kraft haben, ihre Wirkung in der Außenwelt zu tun. Ein anderer Evangelist, der aus seinen Vorbedingungen heraus jene überströmende Liebe weniger betont hat, hat wenigstens in kurzen Worten dieses Geheimnis des Christentums zusammengefaßt, indem er sagt: Aus der Überfülle des Ich heraus fließt die Liebe. Und sie soll natürlich auch einfließen in alles, was wir sprechen und handeln. Im Matthäus-Evangelium haben Sie noch in der lateinischen Übersetzung die echten, ursprünglichen Worte wie eine kurze Zusammenfassung all der schönen Liebespreisungen, die im Lukas-Evangelium enthalten sind. Da heißt es lateinisch: «Ex abundantia cordis os loquitur»: Aus dem Überfließen des Herzens heraus spricht der Mund (Matthäus 12, 34). Eines der höchsten christlichen Ideale! Der Mund spricht aus dem überfließenden Herzen heraus, aus dem, was das Herz nicht umschließt. Das Herz wird vom Blute bewegt, und das Blut ist der Ausdruck des Ich. Das heißt also: Aus dem, was das Herz nicht umschließt, spricht ein überquellendes Ich, ein Ich, das Kraft aus sich ausstrahlt - denn diese Kraft ist die Kraft des Glaubens. Das sind die Worte, die wirklich die Christus-Kraft enthalten: «Aus dem Überfließen des Herzens heraus spricht der Mund.» Das ist ein Kardinalsatz von dem Wesen des Christentums.
Cite:
GA 114/1909-09-25/p027 · edition original