Neunter Vortrag
Und nun lesen Sie in der heutigen Bibel. Was steht an dieser Stelle? «Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.» Das sind Worte, die hingereicht haben, um einen Kardinalsatz des Christentums durch Jahrhunderte hindurch zu verdecken. Die Menschheit ist nicht darauf gekommen, was es für ein Unding ist, zu sagen, daß das Herz, wenn es voll ist, sich ausschütte. Gewöhnlich schütten sich die Dinge in der Welt erst aus, wenn sie mehr als voll sind, wenn sie übergehen. So hat sich die Menschheit — das soll keine Kritik sein - notwendigerweise in eine Vorstellung eingesponnen, welche einen allerwichtigsten, einen Kardinalsatz des Christentums geradezu verdeckt hat, und wurde nicht einmal darauf aufmerksam, daß an dieser Stelle eine völlige Unmöglichkeit steht. Wenn gesagt wird, die deutsche Sprache vertrage nicht, daß wörtlich übersetzt wird «Ex abundantia cordis os loquitur» mit «Aus dem Überfließen des Herzens spricht der Mund», und wenn das damit belegt wird, daß man auch nicht sagen kann, der Überfluß des Kachelofens mache das Zimmer warm, so ist das eben ein Unding. Denn wenn Sie den Kachelofen nur so weit heizen, daß die Wärme bis an seine Wände dringt, so wird das Zimmer nicht warm; es wird erst warm, wenn gerade ein Überfluß an Wärme eintritt, so daß die Wärme aus dem Ofen herausdringt. So stoßen wir hier auf eine wichtige Sache. Ein Kardinalsatz des Christentums, auf dem ein Teil des Lukas-Evangeliums aufgebaut ist, wird zugedeckt, so daß die Menschheit gerade an wichtigster Stelle nicht hat, was im Evangelium steht.
Cite:
GA 114/1909-09-25/p028 · edition original