Zweiter Vortrag
Denken Sie sich noch einmal das seelische Erleben des Tieres, das parallel geht dem äußeren Zeitverlauf [es wird gezeichnet]. Da verläuft dieses innere Seelenleben des Tieres so, daß es hingegeben ist dem äußeren Zeitverlauf oder auch den Wahrnehmungen des eigenen Leibes. Denn auch wenn die Tiere zum Beispiel verdauen, geben die Vorstellungen, die von innen aufsteigen, eine innere Anregung. Und das ist etwas außerordentlich Interessantes für das Tier. Beim Tier wirkt der äußere Zeitverlauf so, daß er eine fortwährende Anregung bietet gegenüber dem Inneren. Man könnte sagen: Für das Tier ist jeder Moment in seinem Leben interessant. -— Nicht so beim Menschen. Es können die äußeren Gegenstände aufhören, für ihn von Interesse zu sein; die Dinge interessieren ihn nicht mehr. Aber der äußere Zeitverlauf geht doch weiter! Stellen Sie sich also das innere Seelenleben des Menschen vor und dazu den äußeren Zeitverlauf: Es kommen an das Seelenleben des Menschen heran die äußeren Eindrücke; die hat der Mensch unzählige Male erlebt, und deshalb interessieren sie ihn nicht mehr. Dann hört das innere Seelenleben auf, und da auch die Zeit fortfließt mit dem Seelenleben, so bleibt die Zeit leer und der Mensch langweilt sich. Wegen der unausgefüllten Zeit also kann sich der Mensch langweilen. Aber was wirkt da in die unausgefüllte Zeit doch hinein? Die früheren Vorstellungen, die ein Begehren jetzt haben, aber nichts bekommen. Während wir also in der einen Richtung fortwährend Reize haben beim Tier, haben wir beim Menschen in der Zeitrichtung von der Vergangenheit in die Zukunft hinein ein Begehren nach Eindrücken, weil die Vorstellungen selber nach neuem Inhalt, nach neuen Bereicherungen verlangen. Das ist der Vorzug des Menschen vor dem Tier, daß seine Vorstellungen von früher fortleben und ein eigenes Leben in die Zukunft hinein entwickeln. Auf Dinge, die dabei täuschen könnten, werde ich noch hinweisen.
Cite:
GA 115/1910-11-02/p022 · edition original