Erster Vortrag
Was für uns die Bewußtseinsseele ist, war für den Angehörigen des Urindertums der Ätherleib. Daher hatte er eine ganz andere Art aufzufassen und zu begreifen. Wenn Sie dem Inder mit reinem Denken gekommen wären, hätte er nicht die Spur davon verstanden. Das wären für ihn Laute gewesen, die keinen Sinn gehabt hätten. Den alten Inder konnten die großen Lehrer nicht dadurch unterrichten, daß sie ihm in der Form des reinen Denkens die Dinge überlieferten, sie ihm mit dem Munde auseinandersetzten. Gesprochen wurde zum Beispiel von einem großen Lehrer im alten Indien außerordentlich wenig, denn auf der Stufe, auf der damals der Ätherleib stand, hatte man nicht die Empfänglichkeit für das Wort, das den Gedanken umfaßt. Es ist für den heutigen Menschen so schwer, sich vorzustellen, wie ein solcher Unterricht gewesen ist. Es wurde außerordentlich wenig gesprochen, und mehr an der Färbung des Lautes, mehr durch die Art und Weise, wie ein Wort gesprochen wurde, erkannte die andere Seele, was eigentlich da aus der geistigen Welt herausfließt. Aber das war nicht die Hauptsache. Das Wort war sozusagen nur das «Anschlagen», das Zeichen, daß eine Beziehung zwischen dem Lehrer und dem anderen da sein soll. Es war das Wort in den ältesten indischen Zeiten nicht viel mehr, als wenn wir mit der Glocke anläuten, um das Zeichen zu geben, daß etwas anfängt. Es war der Kristallisationspunkt, um den sich herumweben undefinierbare, feine geistige Strömungen, die vom Lehrer zum Schüler gehen. Ganz besonders aber kam es darauf an, was der Lehrer in seiner innersten Persönlichkeit war. Nicht darauf kam es an, was ein Lehrer sagte, sondern auf seine Seelenqualität; denn es ging wie eine Art von Eingebung auf den Schüler über. Weil man im besonderen den Ätherleib ausgebildet hatte, mußte man sich auch in der entsprechenden Art zu dem Ätherleib verhalten, und man verstand das Ungesprochene, das was irgendein Lehrer war, viel besser als das Gesprochene. Denn um das Gesprochene zu verstehen, mußten sich die Menschen erst durch die späteren Kulturepochen vorbereiten. Daher wäre es auch nicht notwendig gewesen, daß irgendeiner der großen Lehrer dieses alten Indiens eine besonders ausgebildete Verstandes- oder Bewußtseinsseele gehabt hätte, denn das wäre für die damalige Zeit ein ganz unbrauchbares Instrument gewesen.
Cite:
GA 116/1909-10-25/p014 · edition original