Sechster Vortrag
Was geschieht denn, wenn ein Unrecht begangen worden ist? Da wird durch uns selber in der geistigen Welt etwas geschaffen. Es ist nur materialistisches Vorurteil, daß ein Unrecht vorübergehen kann, ohne daß dabei in der geistigen Welt etwas geschaffen wird. Das Unrecht erzeugt ganz bestimmte Vorgänge in der geistigen Welt, Wirkungen, die von uns ausstrahlen, unsichtbar für die äußere Sinnenbeobachtung, aber vorhanden für geistiges Schauen. Und solche geistigen Vorgänge, die von jemandem ausstrahlen, der ein Unrecht getan hat, bedeuten Nahrung für gewisse Wesenheiten, die in der geistigen Welt tatsächlich vorhanden sind. Solche Wesenheiten können an den Menschen nicht immer heran. Wenn er keine solche Ausstrahlungen hat, wie sie von einem unrechten Tun kommen, dann können sie nicht an ihn heran. Es geht mit ihnen gerade so wie mit einer Stube: Wenn die Stube ganz rein ist, können keine Fliegen darinnen sein. Es sind auch keine drinnen. Aber wenn die Stube alles mögliche Schmutzige hat, Speisereste und so weiter, da sind die Fliegen gleich da. In dem Augenblick, wo der Mensch ausstrahlt durch seine schlechten Taten gewisse geistige Ausstrahlungen, da sind um ihn herum Wesenheiten, die sich davon nähren. Diese Wesenheiten läßt der große griechische Tragiker Äschylos um Orest herum sein. Was wir heute als innere Stimme vernehmen, das ist dem griechischen Tragiker Äschylos noch so bewußt, daß er es in äußeren Gestalten auftreten läßt, weil er weiß, daß in besonderen Fällen immer noch das eintrat, was in älteren Zeiten ein Gemeingut aller Seelen war: ein gewisses hellsichtiges Bewußtsein. Von allem früheren bleibt etwas für spätere Zeiten zurück und tritt dann als Atavismus auf, aber nur in abnormen Fällen. Daher ist es nicht etwas, was zu tadeln wäre, wenn bei Shakespeare zum Beispiel noch etwas ähnliches auftritt, gleichsam ein objektiviertes Gewissen.
Cite:
GA 116/1910-05-02/p009 · edition original