Sechster Vortrag
Dadurch war mit der Empfindungsseele eine Kraft der menschlichen Seele entwickelt worden, die sich nur dadurch hatte entwickeln können, daß die Empfindungsseele, die noch ganz jungfräulich war und unbeeinflußt von anderen Kulturen, sich durchdrungen hatte mit dem Ich-Gefühl. Und diese Seelenkraft ist das Gewissen geworden: die Durchdringung von Ich-Gefühl mit Empfindungsseele. Daher das merkwürdig Unschuldige des Gewissens! Wie redet das Gewissen? Es spricht in dem einfachsten, naivsten Menschen wie in der kompliziertesten Seele. Es sagt unmittelbar: Das ist recht! Das ist unrecht! — Ohne eine Theorie, ohne irgendeine Lehre. Mit der Gewalt eines Triebes, eines Instinktes wirkt das, was uns sagt: Das ist recht! Das ist unrecht! — Nirgends sonst finden Sie das, was sich so im Westen entwickelte, in der Art, wie wir es heute auseinandergesetzt haben. Deshalb wirft es seine ersten Strahlen wie eine Morgenröte voraus nach Griechenland und von dort nach Rom, und dort tritt es uns sogar schon sehr stark entgegen. Da finden wir bei den römischen Schriftstellern zuerst das Wort Gewissen: conscientia. Während wir es bei den Griechen nur sporadisch finden, in ersten Andeutungen bei Euripides, finden wir es bei den Römern schon sehr stark hervorgehoben, schon als allgemein gebräuchliches Wort. Das ist der Einfluß jener Kulturströmung, die dadurch entstanden ist, daßß Empfindungsseele und Ich-Gefühl sich durchdrungen haben, daß das Ich-Gefühl, das den Menschen hinaufträgt vom Niederen zum Höheren, schon in der Empfindungsseele wie eine Gottesstimme spricht, wie sonst nur Triebe, Begierden und Leidenschaften in der Empfindungsseele sprechen, und dort so spricht mit dem Drang, das Richtige zu tun, um hinaufzudringen zu dem höheren Ich.
Cite:
GA 116/1910-05-02/p031 · edition original