V. Höhere Welten und Ihr Zusammenhang mit der Unsrigen
Mit der ganzen Kraft aller unserer Empfindungen haben wir dann den Sinn des Todes zu erfassen. Mit welch andern Gefühlen werden wir dann an das Sterbebett eines von uns geliebten Menschen treten. Es sei damit nicht gemeint, daß wir die Trauer über die Trennung unterdrücken sollen, denn die Seele würde verdorren, welche keinen Schmerz mehr empfindet. Doch wir sollen das Leben vom höheren Standpunkte aus, auf den uns die Geisteswissenschaft stellt, ansehen und sollen uns sagen: Leidvoll und grausam erscheint der Tod von unten, von unserer Erdenwelt aus angesehen, doch ganz anders bietet er sich unserem geistigen Blicke von oben gesehen dar. Die Seele hat in langen Jahren mühevollen Erdenlebens einen reichen Schatz von Fähigkeiten sich errungen, den sie nicht verwerten könnte, wenn sie an denselben Körper gebunden geblieben wäre. Der Tod ermöglicht es ihr, zu einer höheren Stufe emporzusteigen. - Wie der Mensch im kurzen Nachtschlafe den geistigen Gewinn des Tages sich zu eigen machte, so macht der Tod ihn fähig, den Gesamtgewinn des Lebenswerkes in der geistigen Welt auszubilden und zu transformieren. Ein gewaltiger Unterschied ist jedoch zwischen Schlaf und Tod. Im Schlafe, während des Leibeslebens, ist der normale Mensch bewußtlos, wegen des Leibesbannes - im Tode jedoch, der ihn vom Leibesbanne befreit, erwacht der Mensch.
Cite:
GA 118/1910-04-12/p014 · edition original