V. Höhere Welten und Ihr Zusammenhang mit der Unsrigen
Sieht er zum Beispiel eine Rose, so erkennt er in ihr ein Sinnbild des Lebens und sagt sich: Klarer grüner Saft steigt im Stengel empor, fließt von Blatt zu Blatt, doch oben, in der die Pflanze krönenden Blüte, transformiert er sich in den roten Saft der Rose. - Dann wendet er den Blick von der Blume ab und sieht auf den Menschen und sagt sich: Betrachte ich die Pflanze neben dem Menschen, so erscheint sie mir auf den ersten Blick als viel tieferstehend als er, sie hat weder Bewegung noch Gefühle noch Bewußtsein. Auch der Mensch ist vom roten Nährsafte durchströmt, doch er bewegt sich frei, wohin er will, er sieht die Außenwelt und empfindet ihre Eindrücke als Lust und Leid und ist sich seiner Existenz bewußt. Eines jedoch hat die Pflanze voraus: Sie kann nicht irren wie er; keusch und rein, niemandem Böses zufügend, lebt sie dahin. Das rote Blut ist der Ausdruck höherer Geistigkeit und steht über dem grünen Pflanzensaft, der oben in der Blüte symbolisch rot gefärbt ist, doch das Blut ist zugleich der Träger von Begierden, von Leidenschaften, von Irrtum und Fehlern. Die Rose ist wohl ein untergeordnetes Wesen, aber sie ist wie ein Ideal für den Menschen. Einst wird er Herr werden seiner selbst, und sein Ich wird sich erheben über das Alltags-Ich. Er wird sich veredeln, läutern, und sein Blut wird keusch und rein werden wie der grüne Pflanzensaft. Und dieses geläuterte Blut des vergeistigten Menschen sehe ich im roten Rosenblute versinnbildlicht.
Cite:
GA 118/1910-04-12/p019 · edition original