{"corpus":"steiner","locus":"GA 119/1910-03-21/p021","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun braucht sich niemand zu denken, daß dies durchaus nur eine schreckliche Zeit ist, nur eine solche Zeit, in der man brennenden Durst erlebt, in der man Sehnsuchten durchmacht. Das alles ist gewiß da; aber es ist nicht das einzige. Wir durchleben auch alles dasjenige, was wir zwischen der Geburt und dem Tode schon an Geistigem durchgemacht haben, wir durchleben auch die guten Ereignisse des Lebens so, daß wir sie gleichsam im Spiegelbild wiederum vor uns haben. Wie das ist, wird uns gleich vor die Seele treten, indem wir diese Zeit noch genauer betrachten. Nehmen wir an, ein Mensch wäre im 60. Lebensjahre gestorben. Dann durchlebt er zuerst das 59., dann das 58., das 57. Lebensjahr und so weiter; er durchlebt nur alles rückwärtslaufend in einer Art von Spiegelbild. Das bleibt nämlich, daß wir uns fühlen wie über die Dinge und Wesenheiten der Welt ergossen, wie in allen Wesenheiten und Dingen darinnen. Nehmen wir nun die Tatsache, daß wir in einem Leben, das also bis zum 60. Jahre gedauert hat, im 40. Jahre jemandem eine Beleidigung zugefügt hätten. Da durchleben wir also zwanzig Jahre mit einer dreifachen Geschwindigkeit zurück. Wenn wir beim 40. Jahre angekommen sind, dann durchleben wir jenen Schmerz, den wir dem andern zugefügt haben, aufs neue, aber wir erleben nicht dasjenige, was wir damals durchgemacht hatten, sondern dasjenige, was der andere durchgemacht hatte. Wenn wir aus einem Rachegefühl oder aus einer Zornesaufwallung heraus jemandem Schmerz zugefügt haben und wir dann nach dem Tode, rückwärtsschauend, zu diesem Momente kommen, dann fühlen wir nicht unsere Befriedigung, die wir durchgemacht haben, sondern dasjenige, was der andere erlebt hat. Wir sind im Geiste in ihn hineinversetzt. Und so ist es mit allem, was wir im Rückwärtswandern durchleben. Wir durchleben alles dasjenige, was wir an Wohltaten, was wir an Guttaten im Leben ausgestreut haben, in den wohltätigen Wirkungen, die es in unserer Umgebung verursacht hat.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und Geisteswelt","site_heading":null,"date":"1910-03-21","location":null,"word_count":313,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/119/1910-03-21/p021","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/119/1910-03-21/p021"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/119/1910-03-21/p021","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}