Der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und Geisteswelt
Wenn wir dieses geistige Leben, das der Mensch nach der Läuterungszeit betritt, verstehen wollen, dann können wir das auf die folgende Art. Es ist schwer, die ganz andersartigen Erlebnisse, welche der Geistesforscher hat, wenn er prüft das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die ganz andersartigen wesenhaften Eindrücke, die sich mit nichts vergleichen lassen, was das Auge in der Sinnenwelt sehen und der an das Gehirn gebundene Verstand denken kann, einzufangen in die Worte unserer Sprache; aber man kann sich auf folgende Weise etwa eine Vorstellung von demjenigen verschaffen, was wie eine neue Welt dem Geistesforscher durch seinen Einblick in die geistige Welt aufgehen kann. Wenn Sie um sich sehen und begreifen wollen die Welt, wenn Sie verstehen wollen dasjenige, was um Sie herum ist, dann tun Sie das dadurch, daß Sie denken, daß Sie sich Vorstellungen bilden von den Dingen, die um Sie herum sind. Es wäre nun eine logisch absurde Vorstellung, wenn jemand denken würde, man könne Wasser aus einem Glas herausschöpfen, in dem keines drinnen ist. Genau so wäre es, wenn Sie sich vorstellen würden, daß Sie aus einer Welt Gedanken, Gesetze herausholen, herausschöpfen könnten, in der keine Gedanken, keine Gesetze darin sind. Alles menschliche Wissen, alle menschliche Erkenntnis wäre eitel Träumerei, wäre nichts anderes als eine Phantastik, wenn die Gedanken, die wir zuletzt in unserem Geist ausformen, nicht als Gedanken den Dingen schon zugrunde lägen, daß also die Dinge aus Gedanken herausgesprossen sind. Alle diejenigen, welche da glauben, daß die Gedanken nur etwas sind, was der menschliche Geist bildet, was nicht den Dingen zugrunde liegt als eigentliche Wirkens- und Schaffenskräfte der Dinge, die sollten nur gleich überhaupt alles Denken aufgeben; denn die Gedanken, die so gebildet würden, ohne daß sie einer äußeren Gedankenwelt entsprechen, die wären eitel Hirngespinste. Einzig und allein derjenige denkt real, der weiß, daß sein Denken der äußeren Gedankenwelt entspricht und wie in einem Spiegel in unserem Innern die äußere Gedankenwelt wiederum auferweckt; er weiß, daß aus dieser Gedankenwelt alle Dinge ursprünglich hervorgesprossen sind.
Cite:
GA 119/1910-03-21/p024 · edition original