Erster Vortrag

GA 119/1910-03-21_02/p004 ·1910-03-21 · original (original)
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Wenn der Mensch den Blick in die Außenwelt richtet, so sieht er in dieser Außenwelt dasjenige, was sich zunächst seinen Sinnen darbietet. Er sieht Farben, Licht, er hört Töne, er nimmt Wärme und Kälte wahr, Gerüche, Geschmäcke und so weiter. Das ist diejenige Welt, die den Menschen zunächst umgibt. Stellen wir uns einmal diese um uns liegende Welt vor, wie sie sich ausbreitet vor unseren Sinne, so können wir sagen: an ihr haben wir zunächst eine Art von Grenze, denn durch unmittelbare Wahrnehmung, durch unmittelbares Erleben kann der Mensch nicht hinter diese Grenze schauen, die ihm gegeben ist durch die sich vor ihm ausbreitende Farben- und Lichtwelt, durch die Welt der Töne, Gerüche und so weiter. Er kann nicht hinter dieser Grenze wahrnehmen. Wir können es uns ja ganz, ich möchte sagen, trivial anschaulich machen, wie wir da nach außen hin eine Grenze haben. Wir sehen uns eine meinetwillen blau bestrichene Fläche an. Was zunächst hinter dieser blau bestrichenen Fläche sich befindet, das sieht der Mensch unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht. Nun ja, gewiß! Ein Trivialling könnte einwenden, man brauche ja bloß dahinterzuschauen. Aber so verhält es sich ja nicht in bezug auf diejenige Welt, die um uns herum ausgebreitet ist. Gerade durch dasjenige, was wir wahrnehmen, deckt sich uns eine äußere geistige Welt zu, und wir können höchstens empfinden, daß wir in Farbe und Licht, in Tönen, in Wärme und Kälte und so weiter äußere Offenbarungen einer dahinterliegenden Welt haben. Aber in einem gegebenen Augenblick können wir nicht durch die Farben, durch die Lichter, durch die Töne hindurch wahrnehmen, hindurch erleben dasjenige, was hinter ihnen ist. Wir müssen die ganze geistige Außenwelt eben durch diese ihre Offenbarungen wahrnehmen. Denn Sie brauchen sich ja nur ein wenig zu überlegen, so werden Sie auch durch einfachste Logik sich sagen können: Wenn auch zum Beispiel unsere gegenwärtige Physik oder andere wissenschaftliche Bestrebungen hinter der Farbe bewegte Äthermaterie sehen, es kostet doch nur ein wenig Überlegung, um sich zu sagen, daß dasjenige, was da hinter der Farbe angenommen wird, nur etwas Hinzugedachtes, etwas nur durch Denken Geschlossenes ist. Niemand kann dasjenige, was zum Beispiel die Physik erläutert als Schwingungen, als Bewegungen, von denen die Farbe eine Wirkung sei, direkt wahrnehmen. Niemand kann zunächst sagen, ob dasjenige, was da hinter den sinnlichen Eindrücken sein soll, irgendeiner Wirklichkeit entspricht. Es ist zunächst etwas bloß Gedachtes. Wie ein Teppich breitet sich diese äußere sinnliche Welt aus, und wir haben dann die Empfindung, daß hinter diesem Teppich der äußeren Sinneswelt etwas ist, in das wir zunächst mit der äußeren Wahrnehmung nicht eindringen können.

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Cite: GA 119/1910-03-21_02/p004 · edition original