Erster Vortrag
Nun gibt es zunächst ein solches Erlebnis. Nur hat dieses Erlebnis einen ganz beträchtlichen Nachteil für das menschliche Gesamtleben. Dieses Erlebnis ist dasjenige, was man, und zwar sei jetzt der Ausdruck im eigentlichen Sinne des Wortes gemeint, gewöhnlich die Ekstase nennt, die einen Augenblick den Menschen, wenn wir so sagen dürfen, vergessen läßt, was um uns herum ist an Eindrücken der Sinnenwelt, die den Menschen so weit bringt, daß er für Augenblicke des Daseins nichts sieht von demjenigen, was an Farbe, Licht, an Tönen, Gerüchen und so weiter rings um ihn herum ist und unempfänglich wird für die gewöhnlichen sinnlichen Eindrücke. Dieses Erlebnis der Ekstase kann unter gewissen Umständen allerdings den Menschen so weit bringen, daß er neue Erlebnisse hat, Erlebnisse, die in das gewöhnliche Tageserleben nicht hereinfallen. Wohlgemerkt, es soll durchaus nicht diese Ekstase hier als etwas Erstrebenswertes hingestellt werden, sondern sie soll nur geschildert werden als etwas, was möglich ist. Man darf auch nicht jedes gewöhnliche Außer-sich-Sein als eine Ekstase bezeichnen. Denn es ist zweierlei möglich. Das eine ist, daß der Mensch, wenn er die Empfänglichkeit verliert für die äußeren sinnlichen Eindrücke, einfach in einer Art Ohnmachtszustand ist, in dem sich um ihn herum an Stelle der Sinneseindrücke schwarze Dunkelheit ausbreitet. Das ist sogar für den normalen Menschen im Grunde genommen zunächst das beste. Aber es gibt eine Ekstase, und wir werden im Laufe der Vorträge schon hören, welche Bedeutung solch eine Ekstase hat, durch welche nicht bloß schwarze Dunkelheit sich ausbreitet um den Menschen herum, sondern durch welche sich dieses Feld schwarzer Dunkelheit sozusagen bevölkert mit einer Welt, die der Mensch früher gar nicht gekannt hat. Sagen Sie nicht, das kann eine Welt der Illusion sein, eine Welt der Täuschung. Schön, es sei zunächst eine Welt der Illusion, eine Welt der Täuschung. Nennen Sie es meinetwillen eine Summe von Nebelbildungen oder sonstwie, darauf kommt es jetzt nicht an, sondern es kommt darauf an - seien es Illusionen, seien es Bilder, was immer -, daß es in der Tat eine Welt sein kann, die der Mensch bisher nicht gekannt hat. Der Mensch muß sich dann fragen: Bin ich denn imstande, nach alle dem, was ich mir an Fähigkeiten bisher angeeignet habe, mir aus meinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus solche Dinge selber aufzubauen? - Wenn die Bilderwelt, die er da sieht, so ist, daß der Mensch sich sagen kann: Ich bin unfähig, nach meinen bisherigen Fähigkeiten, eine solche Welt aufzubauen - dann ist ihm klar, daß ihm diese Welt von irgendwoher gegeben sein muß. Ob ihm in ihr irgendein gewaltiger Weltenzauberer Blendwerk vorzaubert oder ob sie eine Realität ist, darüber sei hier noch nichts ausgemacht, darüber wollen wir später die Entscheidung fällen. Jetzt kommt es nur darauf an, daß es Zustände gibt, in denen der Mensch Welten sieht, die ihm bisher unbekannt waren.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p008 · edition original