Erster Vortrag
Nun ist aber dieser ekstatische Zustand mit einem ganz besonderen Nachteil für den normalen Menschen verbunden. Der Mensch kann nämlich auf natürliche Weise in diesen ekstatischen Zustand nicht anders kommen als dadurch, daß dasjenige, was er sonst sein Ich nennt, sein starkes inneres Selbst, wodurch er alle einzelnen Erlebnisse immer zusammenhält, wie ausgelöscht ist. Der Mensch, der in Ekstase ist, ist wirklich wie außer sich, sein Ich ist wie unterdrückt. Er ist wie ausgegossen und ausgeflossen in die neue Welt, mit der sich da die schwarze Finsternis bevölkert. So also haben wir zunächst das eine Erlebnis zu schildern, das ist ein Erlebnis, das unzählige Menschen schon gehabt haben und haben können; wie sie es haben können und gehabt haben, davon im Verlaufe der Vorträge Weiteres. Und wir haben ein Zweifaches in diesem Erlebnis der Ekstase vorliegen. Das eine ist: Es schwinden die Eindrücke der Sinne; alles, was der Mensch gewohnt ist, durch die Sinne wahrzunehmen, ist ausgelöscht; ausgelöscht sind die Erlebnisse, die der Mensch sonst hat gegenüber der Sinneswelt, wo er empfindet: Ich höre Töne, ich sehe Farben. - Ausgelöscht ist auch das Ich. Der Mensch erlebt sein Ich niemals im Zustande der Ekstase; er unterscheidet sich in der Ekstase nicht von den Gegenständen. Dadurch bleibt es auch zunächst noch unbestimmt, ob man es mit einer äußeren Wirklichkeit oder mit Blendwerk zu tun hat. Denn im Grunde genommen ist es nur das Ich, das die Entscheidung treffen kann, ob man es zu tun hat mit Gaukelei oder mit einer Realität.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p009 · edition original