Erster Vortrag
Nun fragen wir nach der andern Seite, ob wir auch hinter unsere innere Welt kommen können, hinter die Welt unserer Lust, unseres Leides, unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Leidenschaften, Triebe und Begierden. Auch da gibt es einen Weg. Es gibt wiederum Erlebnisse, welche hinausführen aus dem Bereich des Seelenlebens, wenn wir dieses immer mehr und mehr in sich selbst vertiefen. Der Weg, der da beschritten wird, ist derjenige, den Sie ja auch kennen, es ist der Weg der sogenannten Mystik, der Weg vieler Mystiker. Das mystische Vertiefen besteht darin, daß der Mensch zunächst ablenkt seine Aufmerksamkeit von den äußeren Eindrücken, daß er sich dafür aber um so mehr hingibt den eigenen inneren Seelenerlebnissen, daß er versucht, insbesondere aufzumerken auf dasjenige, was er in sich selber erlebt. Solche Mystiker, die die Kraft haben, nicht zu fragen nach den äußeren Veranlassungen ihres Interesses, ihrer Sympathie und Antipathie, nicht zu fragen nach den äußeren Veranlassungen ihres Schmerzes, ihrer Lust, sondern die lediglich auf dasjenige sehen, was da an Erlebnissen in der Seele auf und ab flutet, solche Mystiker dringen in der Tat auch tiefer in das Seelenleben ein. Sie haben dann ganz bestimmte Erlebnisse, welche sich unterscheiden von den gewöhnlichen seelischen Erlebnissen.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p012 · edition original