Erster Vortrag
Ich schildere nun wiederum etwas, was unzählige Menschen erfahren haben und noch erfahren können. Ich schildere zunächst nur die Erfahrungen, die der Mensch macht, wenn er nur ein wenig über das normale Erleben hinausschreitet. Solche Erfahrungen bestehen zum Beispiel darin, daß der Mystiker, der sich versenkt, gewisse Gefühle und Empfindungen in sich selber umprägt, zu ganz anderen macht. Sagen wir zum Beispiel, wenn der gewöhnliche, normale Mensch, der im Leben steht und der sehr weit entfernt ist von irgendwelchem mystischen Erleben, durch einen anderen Menschen einen Schlag erhält, der ihm weh tut, dann richtet sich gewöhnlich sein Gefühl gegen diesen andern Menschen. Das ist ja das Natürliche im Leben. Derjenige nun, der mystisch in sich selber sich versenkt, der bekommt durch sein Versenken selber ein anderes Gefühl bei einem solchen Schlag. Also wohlgemerkt, ich schildere eine Erfahrung; ich sage nicht, es soll so sein; ich schildere dasjenige, was gewisse Menschen, und es gibt deren viele, erleben. Sie bekommen das Gefühl in sich: Du hättest diesen Schlag auf keinen Fall erhalten, wenn du nicht selber irgendwann einmal durch eine Tat in deinem Leben ihn verschuldet hättest. Es würde einfach der Mensch dir nicht in den Weg gebracht worden sein, wenn du nicht irgend etwas getan hättest, was die Ursache zu diesem Schlage ist. Du kannst daher nicht berechtigterweise dein Gegengefühl gegen diesen Menschen richten, der eigentlich nur durch die Weltereignisse dir in den Weg geführt worden ist, damit du den Schlag verspüren kannst, den du verdient hast. - Solche Menschen bekommen dann, wenn sie alle ihre verschiedenen Seelenerlebnisse ganz außerordentlich vertiefen, auch ein gewisses Gesamtgefühl über das gesamte Seelenleben, und dieses Gesamtgefühl läßt sich etwa so charakterisieren. Sie sagen sich: Ich habe viel Leid, viel Schmerz in mir, aber die habe ich selber irgendwann einmal verursacht. Ich muß irgendwelche Dinge getan haben, ich muß mich irgendwie verhalten haben; wenn es mir nicht erinnerlich ist, daß ich es in diesem Leben getan habe, nun, so ist es ja ganz klar, daß es eben ein anderes Leben gegeben haben muß, wo ich die Dinge getan habe, die ich jetzt ausgleiche durch mein Leid, durch meine Schmerzen.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p013 · edition original