Erster Vortrag
Nun aber, wenn wir den Schlaf betrachten, so müssen wir doch wohl schon aus der Schilderung gemerkt haben - es soll nicht etwa alles angegeben werden, was wir an Gründen dafür anführen können -, daß diese Welt, in die wir da eintreten, doch eine gewisse Realität hat. Man kann eine Welt so lange leugnen, solange man keine Wirkungen von ihr verspürt. Sie können mit jemandem vor einer Wand stehen. Der Betreffende behauptet: Hinter der Wand steht einer. - Sie können das für sich so lange nicht glauben, solange der hinter der Wand nicht klopft; aber sobald der klopft, so operieren Sie nicht mit der gesunden Vernunft, wenn Sie ableugnen, daß einer hinter der Wand stehe. Sobald Sie Wirkungen von einer Welt wahrnehmen, so hört die Möglichkeit auf, diese Welt als bloße Phantasie anzusehen. Gibt es nun Wirkungen aus derjenigen Welt heraus, die wir in der Ekstase noch sehen, die im Schlaf aber für den gewöhnlichen, normalen Menschen ausgelöscht ist? Nun, von der Wirkung aus dieser Welt heraus kann sich jeder überzeugen, wenn er am Morgen aufwacht. Wenn man am Abend einschläft, ist man müde, man hat Kräfte sozusagen verbraucht. Diese müssen ersetzt werden. Mit Kräften, mit denen man abends nicht einschläft, wacht man des Morgens auf. Während welcher Zeit hat man sie sich also angeeignet? Nun, man hat sie sich angeeignet während derjenigen Zeit, die verflossen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Also während man hingegeben ist im Schlaf mit astralischem Leib und Ich an diejenige Welt, die man in der Ekstase noch sieht, die im Schlafe aber für den gewöhnlichen, normalen Menschen ausgelöscht ist, saugt man aus dieser Welt selber heraus diejenigen Kräfte, die man braucht für das Tagesleben. Die kommen aus dieser Welt heraus. Man braucht den Schlaf; weil man aus dieser selben Welt, die man in der Ekstase sieht, im Schlafe aber nicht, diejenigen Kräfte heraussaugen muß, die man für das Tagesleben braucht. Was Sie sich für genauere Vorstellungen darüber machen, das ist für unseren heutigen Zweck zunächst gleichgültig; aber wichtig ist es, daß diese Welt, die wir sehen in der Ekstase, die aber für das gewöhnliche Bewußtsein im Schlafe ausgelöscht ist, sich darstellt als diejenige Welt, aus der die Kräfte herausströmen, mit der wir die Müdigkeit wegschaffen, die am Abend da ist. Das ist also gerade so wie bei dem Klopfenden in unserem Beispiel, der hinter der Wand steht, den wir zwar nicht sehen, von dem wir aber Wirkungen wahrnehmen. Wir nehmen an jedem Morgen wahr die Wirkungen derjenigen Welt, die wir in der Ekstase sehen und im Schlafe nicht sehen. Wo aber eine Welt ist, die Wirkungen zeigt, da können wir auch nicht mehr von ihrer Irrealität sprechen. Die Welt, die wir in der Ekstase sehen, die aber im Schlafe ausgelöscht ist für das gewöhnliche Bewußtsein, sie zeigt uns Wirkungen in das gewöhnliche Tagesleben herein. Also werden wir nicht mehr von ihrer Irrealität sprechen können.
Cite:
GA 119/1910-03-21_02/p024 · edition original